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Auf den Punkt gebracht 7-8/2016

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Der neue Office-Look oder: Der Krawatte geht es an den Kragen

Kürzlich besuchte ich, nach einer fast zehnjährigen Pause, eine Konzernzentrale und wartete eine Weile im Foyer, um „abgeholt“ zu werden. Die Prozedur war dieselbe wie damals. Meinen Namen, den Namen des Gastgebers, Datum und Uhrzeit musste ich auf einen Zettel eintragen. Nach meinem Besuch sollte der Gastgeber meine „Entlassungspapiere“ per Unterschrift bestätigen.
Alles wie gehabt ...

Alles? Nein. In dem börsennotierten Unternehmen scheint sich eine kleine Revolution ereignet zu haben – der einzige, der eine Krawatte getragen hat, war der Pförtner. Alle anderen: dunkler Anzug, offenes weißes Hemd oder dunkle Jeans, dazu dunkle Jacke und weißes Hemd. Sorry, meine Damen, aber ich habe Sie nicht vergessen. Sie tragen immer noch den Business-Chic – die Rock-Pflicht ist längst aufgehoben und Jeans sind absolut okay.
Früher war das etwas anders: Die einzigen, die durch den Empfang ohne Krawatte durchmarschiert sind, waren Handwerker mit Werkzeugkasten und einer wichtigen Mission: Die Wartung der Fahrstühle oder das Versetzen von Trennwänden.
Was ist passiert? Wer bei Trivial Pursuit aufgepasst hat, weiß, das Wort Krawatte verdankt seinen Ursprung kroatischen Söldnertruppen, die im Dreißigjährigen Krieg statt eines Halstuchs einen geknoteten Stoffstreifen am Kragen trugen. Die Franzosen – wer sonst – haben diese Mode übernommen und nannten sie später: „la cravate“. Kämpft also die Bürowelt jetzt ohne Uniform? Ja, zumindest vorübergehend.
Wer militärische Begriffe verwendet, wie die Wirtschaft es tut, muss nicht bei „Offensive“, „Recruiting“ und „Logistik“ bleiben – eine Krawatte als ursprünglicher Uniformbestandteil eignet sich nun mal gut dazu, um Flagge zu zeigen. Nun wird die Krawatte ausgemustert und macht Platz für neue Insignien der Macht und neue Vorbilder. Die neuen Waffen sind smarter.
Wie entstehen Moden? Meistens auf der Straße, in der Kunst, in Subkulturen. Also als Protest gegen das Establishment und das Spießertum. Die Beatles-Langhaar-Frisur war eine Rebellion gegen die strenge Erziehung der Nachkriegsgeneration. Genauso wie die heutige selbstrasierte Glatze ein Protest gegen das Altern zu sein scheint – „Ich entscheide selbst, wann ich eine Glatze kriege“.
Das Tragen einer Tarnuniform oder eines Bundeswehr-Parkas der 68er – ein Protest gegen den Krieg. Die Nachahmer haben allerdings „den Schuss nicht gehört“ und dachten „oh, Armee ist cool“ und positionieren sich uniformiert in der rechten Ecke. Tattoos schmücken nun nicht nur Ex-Sträflinge, sondern Rockmusiker, Filmstars, Sterneköche und Normalverbraucher – aber bislang noch keine Banker. Früher oder später werden die exzentrischen Looks zum Mainstream und damit für die Trendsetter wieder uninteressant – die sind schon längst weiter und haben die neue Mode „in Arbeit“.

VERACHTETE SYMBOLE

Nun versuchen uns Fußballmillionäre mit Irokesenschnitt zu schockieren – abgeguckt bei obdachlosen Punkern. Oder männliche Models mit salafistischem Rauschebart und der „Botschaft“: keine Angst, bin kein Terrorist – ich bin ein ganz lieber Hipster. Die Follower folgen dann einem Dresscode, den sie zwar nicht ganz entschlüsseln können, aber sich problemlos zu eigen machen.
Wie so oft ist auch die aktuelle Kulturrevolution amerikanischen Ursprungs. Nach dem Vorbild der ehemaligen Garage Company – heute das teuerste Unternehmen der Welt – sind Anzug und Krawatte die verachteten Symbole der Old Economy. Zuerst gab es noch den zaghaften Versuch sich anzupassen. Steve Jobs als Krawattenträger auf dem Titel des „Time Magazin“ ist in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Doch der spätere edle Rollkragenpulli war sein Design-Statement – wie der iMac. Es musste allerdings ein Entwurf von Issey Miyake sein, immer noch ein Bestseller für 175 Dollar das Stück. Kombiniert mit Levis 501 Jeans und New-Balance-Turnschuhen war das der „Signature Look“ des genialen Ästheten.
Aber auch der nächste Schritt ist schon klar definiert – das T-Shirt à la Marc Zuckerberg. Einziges Hindernis: Kein Mensch weiß, welche Farbe es hat. Verwaschenes Olivgrün oder doch eher Graublau? So weit geht jedenfalls auch Bosch-Chef Volkmar Denner und diktiert up-down die krawattenfreie Zone, mit dem Wunsch, den Start-up-Spirit in das konservative Unternehmen zu bringen. Klingt wie die Verordnung: „Sei spontan – und zwar ab sofort!“ Thomas Middelhoff als Bertelsmann-Chef war seinen Vorstandskollegen in deutschen Landen wohl um Jahre voraus, als er, breit lächelnd, den Krawattenzwang in seinem damaligen Unternehmen gelockert hat. Ironische Bemerkungen zu seiner jetzigen Karriere ersparen wir uns.

DIE NEU GEWONNENE FREIHEIT

Und was macht die Büromöbelindustrie? Natürlich hat man es längst erkannt. Wer cool sein will, stellt Sitzsäcke ins Foyer. Versuchen Sie, mit Anzug und Krawatte darin Platz zu nehmen – sieht echt blöd aus und das Aufstehen erst recht. Also werden kommunikationsfördernde Zonen mit „Speed-Dating“-Qualität designt, für die man grundsätzlich nicht overdressed sein sollte.
Schöne, kreative Lösungen fast quer durch die Branche. Ob Workbays von Vitra oder Meet You von Haworth, alle feiern die neugewonnene Freiheit, die informellen, spontanen Meetings, die inszenierte oder echte Lockerheit, die die kreative Unternehmenskultur befeuert und dem perfekt-unperfekten Raumerlebnis den Rahmen verleiht.
Das große Thema ergonomisches Sitzen hat auch die Stuhlhersteller herausgefordert. Während Steelcase mit dem neuen „Gesture“ die veränderten Sitzgewohnheiten durch die Nutzung mobiler Endgeräte erklärt, geht Haworth noch einen Schritt weiter und nennt es „Casual Seating“. Denn das ganze Verhalten und die Körpersprache der Office Citizens folgen neuen Choreografien. Ohne Krawatte heißt auch informell, entspannter, immer wieder anders und damit gesünder sitzen. Wer aus gutem Hause stammt oder als Kind Ballettunterricht hatte, sitzt aufrecht-aristokratisch, alle anderen wie sie gerade Lust haben. Stuhlkonstruktionen mit automatischer Gewichtserkennung und einfacher selbsterklärender Bedienung fördern die Spontanität und das Easy-going-Feeling.
Man kann nicht über die Krawatten-Revolution sprechen, ohne dem griechischen Dream-Team Tsipras und Varoufakis zu huldigen. Der erste marschierte in das EU-Parlament oben ohne (Krawatte), schwarzweiß mit sportlichem Rucksack und demonstrierte: „Jetzt spielen wir nach MEINEN Regeln.“ Der andere, allerdings dunkles, offenes Hemd, signalisierte: „Ihr könnt mich mal ... oder irgendwas mit F...“. Die angelsächsische Presse sprach von „Tie-Gate“. Wie das Ganze ausgeht, wissen wir: Insolvenzverschleppung. Eine Umarmung vom Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker gab es trotzdem – aber er umarmt jeden und liegt damit auch voll im Trend.
Ganz klar – hier sind die Damen (ausnahmsweise) im Vorteil: Merkels Blazer wird zwar ab und an kommentiert – hauptsächlich mit Erkenntnissen aus der Farbenlehre. Aber seitdem Yves Saint Laurent 1976 den Hosenanzug „für die emanzipierte Frau“ erfand, ist viel Platz zum Experimentieren und zur Selbstbestimmung da. High Heels sind kein Garant zum schnellen Aufstieg mehr – Sneakers sind praktischer.
Die neue Bürokultur hat sicher viel mit Nonkonformismus und Optimismus, aber vor allem mit Schwarmverhalten zu tun. Das muss ja nicht falsch sein. Es ist schön, sich von Zwängen zu befreien, aber es ist nicht automatisch das Rezept, um geniale Einfälle zu generieren. Die Krawatte im Schrank zu lassen, ist einfacher als eine revolutionäre App zu erfinden. Ob von oben verordnet oder selbst initiiert – wir sind auf dem Weg der Besserung. Wir duzen uns durch die immer flacher werdenden Hierarchien, lesen private WhatsApp-Nachrichten während der Vorstandsitzung, kriegen einen dicken Hals, wenn andere es tun, aber können das viel besser wegstecken. Wir sind ja voll cool drauf.
Aber meine Herren, bitte nicht alle Krawatten auf einmal entsorgen, gestern durfte ich einem Expertenvortrag von einem Referenten in Anzug MIT Krawatte (Windsor-Knoten) beiwohnen, der einen Irokesenschnitt genau so selbstverständlich präsentierte wie seine frohe Botschaft – alles bleibt anders, nur irgendwie schneller.

Shimon Maroz

 

ShimonMarozINFO Der Autor

Shimon Maroz ist Kreativ Direktor und Geschäftsführer der 1985 gegründeten Full-Service Werbeagentur Identity.
Maroz und seine Mitarbeiter betreuen ihre Kunden, darunter internationale Unternehmen, die jeweils führend in ihren Branchen sind, von der Konzeption bis zur Realisierung von Marketing- und Kommunikationsstrategien. Vor seinem Einstieg in die Werbebranche studierte er Visuelle Kommunikation an der renommierten Folkwang Hochschule.

 

 

 

 

 

 

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