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FACTS AKTUELL Gesundheitsmarkt 11/2018

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Diagnose: akute Unterdigitalisierung

Bereits seit Jahren schnellen die Gesundheitskosten immer mehr in die Höhe. Können digitalisierte Abläufe Einsparungen bewirken und gleichzeitig die Qualität der Versorgung erhöhen? Dies behaupten die jüngsten Untersuchungen zu dem Thema. Von einem enormen Nutzen für alle Beteiligten – einschließlich der Patienten – ist die Rede. Warum kommt dann die Digitalisierung des Systems so mühsam voran?

 

Dass Gesundheit immer teurer wird, ist keine neue Erkenntnis. Seit Jahren schon nehmen die Kosten in diesem Bereich ständig zu. Der Hauptgrund dafür: Die Menschen werden immer älter, die Anzahl chronischer Krankheiten steigt. Hinzu kommt, dass Behandlungsmethoden kostspieliger werden. Laut dem Statistischen Bundesamt überschritten die Gesundheitsausgaben in Deutschland im Jahr 2017 zum ersten Mal die Marke von 1 Milliarde Euro pro Tag.

ENORMES SPARPOTENZIAL

„In Deutschland sind die Pro-Kopf-Ausgaben im Gesundheitswesen im vergangenen Jahr deutlich schneller gestiegen als im OECD-Schnitt. Sie lagen bei gut 4.930 Euro – im Durchschnitt der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) waren es gut 3.500 Euro“, zitierte die Ärzte Zeitung im vergangenen Juni eine Mitteilung des Berliner Büros der Organisation. „Das sind etwa 70 Prozent mehr, als die OECD-Länder für jeden Bürger für Bildung ausgeben.“ Den Vergleichsdaten zufolge habe Deutschland gemessen an der Wirtschaftsleistung mit die höchsten Gesundheitsausgaben im Vergleich zu anderen Industrieländern.

Dagegen ist ein Kraut gewachsen. Glaubt man der von der Unternehmensberatung McKinsey in Kooperation mit dem Bundesverband Managed Care (BMC) durchgeführten Studie „Digitalisierung im Gesundheitswesen: die Chancen für Deutschland“, könnte die Digitalisierung im Gesundheitswesen Einsparungen von bis zu 34 Milliarden Euro jährlich ermöglichen. Das entspricht rund 12 Prozent des tatsächlichen Gesamtaufwands von hochgerechnet etwa 290 Milliarden Euro in diesem Jahr. Das größte Nutzenpotenzial bieten dabei die elektronische Patientenakte sowie elektronische Rezepte und webbasierte Interaktionen zwischen Arzt und Patient.

Für die Studie hat McKinsey auf Basis von mehr als 500 internationalen Forschungsdokumenten das Verbesserungspotenzial von 26 digitalen Gesundheitstechnologien analysiert und in Experteninterviews überprüft. Diese Technologien fasst die Studie in sechs Lösungskategorien mit unterschiedlichem Einsparpotenzial zusammen: Nach der Umstellung auf papier-lose Datenverarbeitung (9,0 Milliarden Euro) kommen Onlineinteraktionen, beispielsweise durch Teleberatung (8,9 Milliarden Euro), gefolgt von einer Automatisierung der Arbeitsabläufe, etwa aufgrund der mobilen Ver-
netzung des Pflegepersonals oder der auf Barcodes basierenden Verabreichung von Medikamenten (6,1 Milliarden Euro). Entscheidungsunterstützung durch Datentransparenz, wie durch den Einsatz von Software, um Doppeluntersuchungen von Patienten zu vermeiden (5,6 Milliarden Euro), Patientenselbstbehandlung, zum Beispiel durch Gesundheitsapps oder digitale Diagnosetools (3,8 Milliarden Euro), und Patienten-Self-Service dank Onlineportalen zur Terminvereinbarung (0,5 Milliarden Euro) kommen hinzu.

„Das Potenzial von 34 Milliarden Euro setzt sich einerseits aus Effizienzsteigerungen, andererseits aus der Reduzierung unnötiger Nachfrage zusammen“, erörtert McKinsey-Partner Stefan Biesdorf die Studienergebnisse. Etwa das Vermeiden von Doppeluntersuchungen oder von unnötigen Krankenhauseinweisungen sowie eine bessere Qualität der Folgebehandlungen seien geeignete Ansätze, um eine geringere Nachfrage zu bewirken.
Doch die wesentlichste Einsparung verspreche die Umstellung auf eine einheitliche elektronische Gesundheitsakte (EHR, Electronic Health Record), die allein

6,4 Milliarden Euro brächte. Diese Lösung sei in der Lage, etwa den Verwaltungsaufwand und die Anzahl von Tests zu reduzieren, was zügigere und reibungslosere Prozesse mit sich brächte. „Patienten werden die elektronische Gesundheitsakte aber nur akzeptieren, wenn sie die Kontrolle über ihre Daten behalten, also selber entscheiden, welcher Arzt oder welches Krankenhaus darauf Zugriff bekommt“, warnt Biesdorf.

WER PROFITIERT?

Von der Digitalisierung im Gesundheitswesen profitieren laut der Untersuchung vorrangig die Leistungserbringer, das heißt Ärzte und Krankenhäuser – sie können sich ganzer 70 Prozent des erreichbaren Nutzens erfreuen. Und immerhin 30 Prozent kommen den Krankenversicherungen zugute. Das ewige Klagelied vieler Leistungserbringer, die Digitalisierung würde ihnen außer Arbeit nichts bringen, sei somit fehl am Platz.

 

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HOHE KOSTEN: Laut Experten sind in Deutschland die Pro-Kopf-Ausgaben im Gesundheitswesen im vergangenen Jahr deutlich schneller gestiegen als im OECD-Schnitt.

 

 

 

Auf jeden Fall sind das aufschlussreiche Erkenntnisse. Doch wo bleibt der Patient? Welchen Nutzen soll er aus einem digitalisierten Gesundheitssystem ziehen? Beispielsweise Teleberatungen könnten das Problem des akuten Personalmangels insbesondere in ländlichen Regionen zum Teil lösen, was natürlich den Patienten weiterhelfen würde. Auch könnte die mobile Anbindung von Pflegepersonal die Versorgung verbessern. „Mit einer digitalen Lösung hätten die Pflegekräfte ortsunabhängig vollen Zugriff auf Patienteninformationen und könnten Befunde unterwegs über Tablets dokumentieren“, schildern die Studienverfasser. „Somit wäre eine effiziente, kontinuierliche Versorgung und Überwachung der Patienten in der ambulanten Pflege gewährleistet.“

Die Digitalisierung beschert also sämtlichen Protagonisten im Gesundheitsmarkt zahlreiche Vorteile, und doch kommt sie nur schleppend voran. „Bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems liegt Deutschland im internationalen Vergleich im hinteren Drittel“, meinte im vergangenen Jahr Marco Junk, Geschäftsführer des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW), in der Einführung zum Leitfaden „Digitale Gesundheit“. „Während auf jedem iPhone längst ein umfangreiches Health-Kit vorinstalliert ist, schaffen es die Deutschen erst nach jahrelangen Gefechten, gerade einmal eine Chipkarte einzuführen.“

EWIGE DISKUSSIONEN

Ein Jahr später hat sich nicht viel geändert. „Deutschland diskutiert noch, unsere Nachbarn sind schon weiter“, bemängeln die McKinsey-Experten. „In Österreich begleitet ELGA, die elektronische Gesundheitsakte, die Bürger von Arzt zu Arzt und in das Krankenhaus. In Schweden, Dänemark und Estland verschicken Ärzte elektronisch Rezepte an Patienten oder gleich an die Apotheke, die dann die Medikamente ausliefert. Und der staatliche britische Gesundheitsdienst NHS kooperiert mit Google, um mithilfe künstlicher Intelligenz den riesigen Datenschatz über Behandlungserfolge und Krankheitsverläufe, der sich beim NHS angesammelt hat, nutzbar zu machen.“

Die Schuld an diesem mühsamen Vorankommen der Digitalisierung trägt die Bevölkerung keinesfalls. „Die Menschen in Deutschland stehen der Digitalisierung der Pflege aufgeschlossen gegenüber“, ergab vor Kurzem eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom. Sieben von zehn Deutschen (71 Prozent) betrachten sie aufgrund des Fachkräftemangels als große Chance. Dass der Pflegekollaps nur vermieden werden kann, wenn die Pflege digitaler wird, behaupten 23 Prozent und 33 Prozent sind der Meinung, dass die Digitalisierung der Pflege zumindest dabei hilft, den Pflegenotstand in Deutschland zu lindern. Schließlich sind 54 Prozent dafür, dass es zu einem verstärkten Einsatz von digitalen Anwendungen in der Pflege in Deutschland kommt. „Die Digitalisierung kann in der ambulanten sowie stationären Pflege wertvolle Dienste leisten und in einer immer älter werdenden Gesellschaft zugleich auch der Schlüssel für ein langes Leben in den eigenen vier Wänden sein“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Digitale Technologien können und sollen das Pflegepersonal nicht ersetzen, aber doch sinnvoll unterstützen, um die Qualität in der Pflege langfristig zu verbessern.“

 

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PFLEGE 4.0: Umfragen nach könnte sich ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung vorstellen, sich von einem Roboter zumindest zeitweise pflegen zu lassen.

 

Neben den Chancen, die sich durch die Digitalisierung ergeben, sehen die Menschen hierzulande jedoch auch einige Probleme. Genannt wurden von 57 Prozent der Teilnehmer an der Bitkom-Umfrage vor allem Datenschutz und Datensicherheit. Ferner macht die Angst vor einer weniger am Menschen ausgerichteten Pflege 55 Prozent und vor einer Isolation älterer Menschen 49 Prozent der Befragten zu schaffen.

JA ZUM ROBOTER

Etwas überraschend: Sogar was den persönlichen Pflegebedarf betrifft, können sich laut der Bitkom-Umfrage 41 Prozent vorstellen, sich von einem Roboter zumindest zeitweise pflegen zu lassen. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es sogar 51 Prozent, bei der Generation 65 plus 37 Prozent. Würden die Befragten im Falle einer Pflegebedürftigkeit vor der Wahl stehen, ins Pflegeheim zu gehen oder sich anhand digitaler Technologien zu Hause überwachen zu lassen, würden sich 62 Prozent – fast zwei Drittel! – für die digitalen Anwendungen in den eigenen vier Wänden entscheiden. Ganze 35 Prozent würden dies sogar auf jeden Fall vorziehen. „Die Menschen in Deutschland wollen digitale Anwendungen in der Pflege. Bei der Pflege 4.0 geht es nicht darum, Pflegekräfte einzusparen, sondern um ein Miteinander von digitalen Helfern und menschlicher Zuwendung“, erläutert Rohleder. „Um die Qualität der Pflege in Deutschland langfristig zu sichern und zu verbessern, brauchen wir digitale Helfer.“

Allerdings müsse man dazu den politischen Ordnungsrahmen unbedingt anpassen, denn bisher gebe es keine gesetzliche Grundlage für eine Übernahme der Kosten für digitale Hilfsmittel durch Kranken- und Pflegekassen. Bei der Digitalisierung der Pflege spiele Deutschland daher im besten Fall im Mittelfeld. „Um Deutschland im Vergleich zu seinen Nachbarländern einen großen Schritt nach vorne zu bringen, schlagen wir unter anderem vor, digitale Angebote wie die Videosprechstunde der Versorgung vor Ort gleichzustellen“, empfiehlt Rohleder. Die Vergütung erfolge dann unabhängig davon, ob die Versorgung vor Ort oder digital erbracht wird, nach den gleichen Maßstäben – hier habe jüngst Frankreich einen mutigen Schritt nach vorne gemacht. Vorbedingung für die digitale Pflege seien durchgängig digitale Prozesse wie das elektronische Rezept, die elektronische Überweisung sowie die Möglichkeit, die Pflegeakte aus der Ferne oder digital auszulesen.
Dabei fehlt es hierzulande weder an finanziellen Mitteln noch an technologischen Voraussetzungen: Dessen ist sich Volker Amelung, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Managed Care (BMC), absolut sicher. Für ihn ist es einzig und allein eine Frage der Haltung. Im deutschen Gesundheitswesen gebe es schließlich viele Akteure, für die der Status quo besser sei als die Veränderung durch die Digitalisierung.

Graziella Mimic 

 

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 Fotos: shutterstock 

 
 
 

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