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FACTS ARENA Drehstühle 10/2019

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Teurer am Ende doch günstiger

Muss man für einen Bürodrehstuhl unbedingt viel Geld ausgeben? FACTS wollte wissen, ob auch günstige Stühle ergonomischen Ansprüchen genügen können, und hat zwei Stühle getestet, die beide nicht die preisliche Oberklasse bedienen.

Dauerhaftes Sitzen führt zu Rückenschmerzen und anderen körperlichen Beschwerden wie Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich. Hierin liegt ein bedeutender Teil an Krankmeldungen begründet. Ein ergonomischer Drehstuhl ist eine wichtige und letztlich rentable Maßnahme, um Problemen vorzubeugen. Doch wie groß sollte die Investition sein?

Wie es viele Menschen handhaben, wandte sich auch FACTS an das Möbelhaus Ikea und orderte den teuersten Drehstuhl namens Långfjäll für 159 Euro. Für den Vergleich wurde der Favorite 441 bestellt, der beim spezialisierten Hersteller Mauser Sitzkultur in der unteren Liga rangiert und mit 390 Euro mehr als doppelt so teuer ist. Beide Anbieter preisen in Verbindung mit den Stühlen Ergonomie, Langlebigkeit und Nachhaltigkeit an.

Ein Teil des Preisunterschieds erklärt sich direkt bei der Lieferung: Der Favorite kam komplett montiert und in Folie eingehüllt, während der Långfjäll sich im typischen Ikea-Stil in Einzelteilen und zwei international verständlichen Anleitungen offenbarte: zwölf Teile plus zehn Schrauben. Die Rollen, das Drehkreuz und die Sitzfläche samt dem Mechanismus zur Höheneinstellung waren halbwegs schnell zusammengesetzt. Probleme zeigten sich allerdings beim Befestigen der Armlehnen. Was eigentlich wie eine weitere simple Aufgabe schien, stellte die Testredakteure vor eine gewisse Herausforderung, da die Bohrungen nicht hundertprozentig mit den Löchern in der Armlehne und denen des Bezugs übereinstimmten. Das kostete etwas mehr Zeit und Nerven als geplant.

DER ERGONOMISCHE UNTERSCHIED

Optisch ist der Stuhl von Mauser ein ganz normaler Bürodrehstuhl, während der Ikea-Stuhl exklusiver daherkommt, wenn man von der sichtbaren Verschraubung absieht. In Sachen Ergonomie erfährt man den Unterschied direkt aus den technischen Daten: Beim Långfjäll lassen sich lediglich die Sitzhöhe und der Rückenlehnendruck einstellen, während der Favorite eine höhenverstellbare Rückenlehne mit 80 Millimeter Verstellbereich, höhenverstellbare Armlehnen, eine Synchronmechanik, Sitztiefen- und Sitzneigeverstellung sowie eine einstellbare Lordosenstütze bietet.

Beim Ausprobieren erfuhren die Testredakteure den kompletten Unterschied. Der Mensch ist ein Gewohnheitssitzer. Ein neuer Stuhl ist in vielen Fällen zunächst nicht willkommen, weil er sich anders anfühlt. Seine Vorzüge werden mitunter erst nach einer Weile deutlich. Oder auch nicht: Der Ikea-Stuhl fiel bei allen Testern als Dauersitz durch. Auf den „ersten Sitz“ überraschte er durch seine harte Sitzfläche, nach einer Weile gewöhnten sich die meisten Testsitzer daran, zumindest diejenigen, die durchschnittlich groß und schwer sind. Doch einen erneuten Wechsel zum Favorite von Mauser empfanden sie ausnahmslos als Wohltat. Regelrecht geschimpft wurde über die „Lordosenpikse“ des Långfjäll, die insbesondere größere Personen als zu stark gewölbt und deshalb als unangenehm empfanden, während sich die Wölbung der Lordosenstütze des Favorite über ein Rädchen am Rücken ganz einfach an die individuellen Bedürfnisse anpassen lässt. Die vielen Einstellungsmöglichkeiten beim Favorite, die den ergonomischen Unterschied zwischen den Stühlen maßgeblich bestimmen, konnte jeder Tester übrigens intuitiv nutzen. Die Bedienungsanleitung muss eigentlich nur die Möglichkeiten nennen.

BEQUEM ODER NICHT?

Weiterhin hat der Långfjäll außenliegende Nähte, die eigentlich schick aussehen, doch bei nackten Armen oder Beinen ein unangenehmes Kratzen hervorrufen und dünne Strumpfhosen gefährden. Der Stoff beim Favorite ist – wie auch das Polster – weitaus dicker und somit bequemer. Die Rückenlehnen selbst sind etwa gleich hoch, doch auch hier punktet der Favorite gerade bei größeren Nutzern, weil sie sich die Lehne nach oben verstellen konnten. Der Rückenlehnendruck lässt sich bei beiden Stühlen verstellen – der Favorite werkzeuglos über ein Drehrad am Hebel, der auch die Sitzhöhe verstellt, der Långfjäll allerdings nur mit einem Innensechskantschlüssel unter der Sitzfläche: Von schnell und einfach kann bei ihm also keine Rede sein.

Die Sitzfläche des Långfjäll ist im vorderen Bereich nach oben geneigt. Dieser „Schwung“ sieht flott aus, bequem ist das aber nicht. Anders als der Favorite ist der Långfjäll nicht in der Tiefe verstellbar. Hinzu kommt, dass sein Sitz in seiner Befestigung geräuschvoll wackelt, was den Eindruck von mangelnder Stabilität weckt: Es kamen Zweifel auf, ob der Långfjäll dauerhaft seinen Zweck erfüllen wird.

Sehr große Unterschiede weisen die Armlehnen auf. Beim Favorite haben sie eine große Fläche und weil sie auch noch höhenverstellbar sind, gefiel es manchem Testredakteur, sie auf gleiche Höhe wie den Schreibtisch zu bringen, um eine durchgängige Auflage zu haben. Auch in der Breite sind sie verstellbar. Die Armlehnen des Långfjäll hingegen sind starr, recht tief angesiedelt, außerdem sind sie dünn – alles in allem eher Schmuck als Zweck. Mit einer Polsterummantelung könnte der schwedische Hersteller sie etwas aufwerten.

An den Armlehnen stellten die Redakteure fest, was eigentlich generell gilt: dass bei dem Design des Långfjäll Optik über Praktikabilität und Bequemlichkeit gestellt wurde; der ergonomische Gedanke ist da, jedoch nur im Ansatz. Der Favorite hingegen versucht nicht, mit einem überzogen modernen Look zu beeindrucken, er bringt stattdessen Ergonomie und Funktionalität unter einer klassischen Bürodrehstuhloptik zusammen.

Jonah Jeschonneck/Anja Knies

8 Bewertung

 

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 Fotos: Anja Knies (1), Silke Cremer

 
 
 
 

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