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FACTS MARKTÜBERSICHT Rechtsberatung online 9/2018

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Fragen Sie jetzt einen Anwalt

Wer heute dringend eine Rechtsberatung braucht, kann den Besuch einer Kanzlei aufschieben und zunächst online Rat einholen. Auf speziellen Internetportalen kann man Anwälte befragen und so Zeit und Kosten sparen. Wie dies vonstattengeht und wie anwenderfreundlich solche Plattformen sind, wollte FACTS genauer wissen.

 Der Gang zum Anwalt bereitet selten großen Spaß und erfolgt meist notgedrungen. Er ist auch mit Kosten verbunden, weshalb viele diesen Schritt scheuen und sich erst dazu entscheiden, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. Oder aber sie suchen vorerst Rat im Internet, wo sie auf Rechtsportalen Antworten auf ihre Fragen für vergleichsweise wenig Geld erhalten können.

Rechtsberatungsportale gibt es einige im Web. Anhand von vier Beispielen – JustAnswer, Frag einen Anwalt.de, Deutsche Anwaltshotline und Advocado – wollte FACTS herausfinden, was es bei der Entscheidung für eine solche Plattform zu beachten gilt. Dazu wurden im Rahmen einer Gegenüberstellung Verständlichkeit und Anwenderfreundlichkeit der Seiten sowie die verschiedenen Angebote verglichen.

Die Frage, die sich viele als erste stellen, betrifft den Preis. Da gibt es zwei Varianten. So kann der Ratsuchende seine Frage vorab kostenfrei ins Netz stellen sowie auch eine Angabe darüber, wie viel er für die Antwort ausgeben möchte – unter 25 Euro geht es bei den meisten Anbietern nicht. Ist der Anwalt mit dem vorgeschlagenen Preis einverstanden, sendet er seine Antwort.

Die zweite Variante sieht vor, dass der Anwalt zunächst seinen Preis nennt und der Fragende dann einwilligen muss, um die ersehnte Antwort zu bekommen. Ob mit der einen oder mit der anderen Vorgehensweise – beide sind einfache, relativ günstige sowie auch zeitsparende Alternativen.

Die Frage, ob die im Internet erhaltene Beratung durch einen zugelassenen Rechtsanwalt oder nur einen „Spezialisten“ zustande kommt, verlangt ebenfalls, geklärt zu werden. Zum einem stehen somit die Chancen höher, dass die erhaltenen Auskünfte rechtlich korrekt sind. Zum anderen haften Anwälte auf jeden Fall für durch falsche Beratung entstandene Schäden. Eins muss man dazu fairerweise anmerken: Auch der Ratsuchende trägt zur Güte der Beratung bei. Bei schlechter oder unzureichender Darstellung des zu begutachtenden Sachverhalts fällt der juristische Rat verständlicherweise dementsprechend mangelhaft aus.

Ferner gilt es zu berücksichtigen, wie umfassend das Angebot des Anwaltsportals ist und ob die wichtigsten Rechtsgebiete vertreten sind. Manche Anbieter wie etwa JustAnswer bieten zudem die Möglichkeit, die gewünschte Detailtiefe – niedrig, mittel, hoch – anzugeben. Ob er lieber mit einem Anbieter zu tun haben will, der die Antworten auf die Fragen anderer Nutzer – mitunter mit Namen versehen – auf der Seite anzeigt oder nicht, soll der Anwender selbst entscheiden.

Und ob er die benötigten Informationen lediglich per E-Mail anfordern und erhalten kann oder ob eine Rechtsberatung auch telefonisch möglich ist – in diesem Fall wird nach der Länge des Gesprächs abgerechnet –, kann für den einen oder anderen ein wesentliches Kriterium sein.

NICHT FÜR KOMPLEXE FÄLLE

Wie schnell der „Onlinemandant“ die Antwort des Experten bekommt, ist für ihn auf jeden Fall ausschlaggebend. Hier muss aber gewarnt werden: Es werben zwar alle Plattformen mit extrem kurzen Reaktionszeiten, doch werden diese häufig großzügig überschritten. So fanden ARD-Journalisten schon vor einigen Jahren im Rahmen eines Praxistests heraus – sie stellten Rechtsberatern auf drei Portalen eine Musterfrage –, dass die Wartezeit bis zur Antwort von 45 Minuten bis zu acht Tagen variieren kann.

Weitere feine Unterschiede zwischen den Angeboten, die bei Bedarf eine wichtige Rolle spielen können, sind die Möglichkeit des kostenlosen Nachfragens, wenn die Antwort unklar ist, sowie das Anbieten einer Alternative bei „Nichtzufriedenheit“. Im Übrigen bieten manche Portale eine „Beratungsflatrate“: Für einen monatlichen Pauschalbeitrag kann der Webklient so viele Fragen stellen, wie er möchte.

Eine übersichtliche Seite, eine verständliche Anleitung und schließlich eine reibungslose Navigation sollten selbstverständlich sein. Ist ein Support vorhanden, der Fragen zur Bedienung beantwortet, geht der Benutzer auf Nummer sicher.

NUR EINE ERSTE HILFE

Bevor sie einen Anwalt im Internet befragen, sollten Ratsuchende alle diese Aspekte auf jeden Fall in Erwägung ziehen. Eins gilt es jedoch sofort klarzustellen: Die Rechtsberatung online eignet sich nicht für jedes Rechtsproblem. Ist bei der Klärung von allgemeinen Fragestellungen und Standardfällen, wie zum Beispiel aus dem Bereich des Arbeitsrechts oder in Sachen Abmahnungen, der Gang zum „Online-Anwalt“ sinnvoll, wird es dagegen schon kniffeliger, wenn es darum geht, individuelle Fälle zu beleuchten, für deren Erläuterung der Jurist im Vorfeld selbst Fragen stellen muss oder sogar Unterlagen des Ratsuchenden braucht.
Nichtsdestotrotz kann sich die Erste Hilfe aus dem Netz als durchaus praktisch erweisen – es ist davon auszugehen, dass sie in den meisten Fällen zügig geleistet wird. Nicht nur Privatkunden, sondern beispielsweise auch kleinen und mittleren Unternehmen, die nicht über eine eigene Rechtsabteilung verfügen und mit den nicht so ganz billigen Diensten der für sie tätigen Anwälte sparsam umgehen wollen, bieten die Rechtsberatungsportale im Internet eine willkommene Alternative.

WENN MEHR DARAUS WIRD

Und noch eins: Zwar übernehmen Onlineanwälte keine rechtliche Vertretung – gelegentlich verweisen sie auf bekannte Kollegen. Manchmal kann dennoch aus der kurzen Begegnung im Netz mehr werden, denn die für die Rechtsberatungsportale tätigen Juristen arbeiten selbstverständlich nicht nur im Web, sondern meist auch in einer Kanzlei. Diejenigen, die mit den Diensten eines Anwalts, der sie online gut beraten hat, besonders zufrieden sind, haben auch die Möglichkeit, diesen in seiner Kanzlei aufzusuchen und ihm ein Mandat anzuvertrauen.

Graziella Mimic

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INTERVIEW

Rechtsberatung aus dem Netz

Einfach, relativ schnell und vor allem günstig: Dies sollen die Vorzüge einer Rechtsberatung im Internet sein. Michael Teschner, Rechtsanwalt und Geschäftsführer bei der Niederrheinische Treuhand GmbH in Duisburg, erläutert, was es damit auf sich hat und worauf Ratsuchende unbedingt achten müssen.

FACTS: Wie können Ratsuchende die Seriosität eines Rechtsberatungsportals im Internet erkennen?

Michael Teschner: Rechtsberatungsportale sind dann als seriös erkennbar, wenn sie Rechtsberatung dergestalt anbieten, dass dem Ratsuchenden zunächst ein unverbindliches Angebot zur Beantwortung seiner Frage erstellt wird, das er erst annehmen muss, bevor er den Rat erhält. Erfolgt keine Annahme, sollte die Anfrage durch den Rat-suchenden kostenfrei sein. Alternativ gibt es auch Portale, bei denen die Ratsuchenden neben ihrer Frage 
den Geldbetrag eingeben, den sie für die Beantwortung der Frage bezahlen wollen. Der Anwalt nimmt dann das Angebot des Ratsuchen-
den an und erteilt die Auskunft. Weiter gilt es, darauf zu achten, dass die Auskunftserteilung durch Rechtsanwälte erfolgt und es sich nicht um allgemeine Foren handelt, auf denen jeder seine – meistens leider vollkommen unzureichenden – Rechtsansichten mitteilt. Die Frage sollte innerhalb von 48 Stunden beantwortet werden. Manche Portale werben mit einer schnelleren Reaktionszeit.

FACTS: Ist eine Rechtsberatung online letztendlich wirklich günstiger als ein Besuch beim Anwalt?

Teschner: Die Frage lässt sich nicht allgemein beantworten. Manche Portale bieten Auskünfte ab 25 Euro an. Zu diesem Preis kann kein Anwalt eine rechtsverbindliche Auskunft erteilen, für die er auch haften muss. Onlineberatungen werden aber auch für 75 Euro und mehr angeboten. Bei einem Anwalt wird eine Erstberatung mit etwa 100 Euro abgerechnet. Im Rahmen des Beratungsgesprächs kann der Ratsuchende sein Problem aber detailliert schildern und mehrere aufgeworfene Fragen beantworten lassen. Dies ist bei einer Onlineberatung in der Regel nicht möglich.

MichaTeschner

 

 

MICHAEL TESCHNER, Geschäftsführer bei der NRT Niederrheinische Treuhand GmbH in Duisburg

 

FACTS: Für welche Fälle eignet sich eine Onlineberatung?

Teschner: Bei einfach strukturierten Fällen kann die Onlineanfrage sinnvoll sein. Der Ratsuchende schildert in möglichst kurzen Worten sein Problem und erhält darauf, aber auch nur darauf, eine Lösung. Sobald das Problem jedoch umfangreicher ist, ist der Ratsuchende beim Anwalt seines Vertrauens besser aufgehoben, da dieser eine umfassende Beratung gewährleisten kann.

FACTS: Sind die auf einer Onlineplattform erteilten Ratschläge immer rechtlich einwandfrei?

Teschner: Leider ist bei Onlineplattformen verstärkt feststellbar, dass die erteilten Ratschläge mangelhaft sind. Dies mag drei Gründe haben: Erstens kann jeder Ratschlag nur so gut sein wie die vorherige Sachverhaltsaufbereitung. Häufig ist der Ratsuchende aber nicht in der Lage, den Sachverhalt vollständig und zutreffend zu schildern, sodass auch die erteilte Auskunft zwangsläufig nicht zutreffend ist. Zum anderen ist feststellbar, dass Onlineberatung häufig von Juristen durchgeführt wird, die anderweitig nicht genügend ausgelastet sind, was in der Regel auch einen Grund hat. Schließlich sind die Auskünfte aus dem Internet teilweise sehr preiswert, sodass bereits aus wirtschaftlichen Gründen keine lang anhaltende Auseinandersetzung mit den einzelnen Fragen stattfinden kann und daher Problempunkte nicht erkannt werden.

FACTS: Kann die Rechtsberatung online den Besuch beim Anwalt ersetzen?

Teschner: Die Onlineberatung hat ihren Sinn dort, wo der Ratsuchende innerhalb weniger Stunden ein überschaubares rechtliches Problem gelöst haben möchte. Wegen der Fehleranfälligkeit dieser Beratungsform sollte der Ratsuchende aber immer dann, wenn ein umfangreiches rechtliches Problem besteht oder zahlreiche Anlagen zur Lösung des Problems erforderlich sind, den Besuch beim Anwalt nicht scheuen. Spätestens im gerichtlichen Verfahren ist die Einschaltung eines Anwalts ohnehin erforderlich. Die außergerichtlichen Gebühren eines Anwalts werden dann zum Teil angerechnet, während die Gebühren einer Onlineberatung nicht anrechnungsfähig sind.

 Graziella Mimic

 

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