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Titelstory Umweltmanagement 7/8-2015

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Wer ist der Grünste im ganzen Land?

Ökologische Probleme nehmen aufgrund globaler wirtschaftlicher Expansion und nicht zuletzt auch wegen eines gesteigerten Bewusstseins der Öffentlichkeit für Umweltfragen an Bedeutung zu. Somit wächst der Druck auf Unternehmen, mit knapper werdenden Ressourcen schonend umzugehen. Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Doch wie macht sich der Mittelstand im grünen Getümmel? Insgesamt schlägt er sich wacker und zeigt nicht selten mehr echtes Engagement als manch ein Großkonzern – trotz erheblicher Verunsicherung und vieler Hemmnisse.

Klimawandel, stets knappere Ressourcen bei zunehmender Weltbevölkerung – keine Frage, Politik und Wirtschaft stehen vor nie da gewesenen Herausforderungen. „Die Steigerung der Ressourceneffizienz wird in der nationalen und internationalen Politik immer mehr zu einem wichtigen Thema“, schrieb vor zwei Jahren die im Auftrag der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführte Studie „Nachhaltiges Wirtschaften im Mittelstand – Möglichkeiten zur Steigerung der Ressourceneffizienz in kleinen und mittleren Unternehmen“. Angesichts der Kostenentwicklung für Material und Energie im deutschen verarbeitenden Gewerbe sei diese Auseinandersetzung auch dringend geboten.

METHODISCHE ZERSTÖRUNG

Zugegeben: Die Einwirkung des Menschen auf die Umwelt gibt es nicht erst seit gestern. Bereits ab 9.000 vor Christus begannen die neolithischen Völker in Vorderasien – die ersten, die von Pflanzen- und Tierzucht lebten –, in manchen Gegenden Felder und Heiden anzulegen. Später fingen diese Farmer an, Wälder zu verbrennen, um die auf diese Weise gewonnenen Lichtungen zu bestellen oder für die Viehhaltung zu nutzen. So eignete sich der Mensch durch die Erfindung von Pflanzenbau und Tierzucht die Fähigkeit an, seinen natürlichen Raum zu verändern – früher hatte er sich der Natur anpassen müssen und sich damit begnügt, zu jagen, zu fischen oder Beeren zu pflücken.

Doch seitdem ist viel Zeit vergangen. Inzwischen hat die methodische Zerstörung der natürlichen Ressourcen ein solches Ausmaß erreicht, dass ein weiteres Bestehen unserer Wirtschaftssysteme infrage gestellt und die Zukunft der nächsten Generationen stark beeinträchtigt wird. Experten monieren dies und warnen schon seit Jahren vor den Folgen, wie unter anderem die Vereinten Nationen oder die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in regelmäßigen beunruhigenden Berichten und dringenden Appellen.

Bereits Ende 2005 forderte das UN-Klimasekretariat in seinem Bericht, die Politik müsse endlich global an einem Strang ziehen, um die Emission von Treibhausgasen radikal zu senken, bevor die Schäden irreversibel sind, schildert Karin Kneissl in ihrem Buch „Der Energiepoker – wie Erdöl und Erdgas die Weltwirtschaft beeinflussen“. Es ginge nicht mehr bloß um die Verschmutzung der Umwelt, sondern um deren Zerstörung – mit all ihren Folgen für Natur und Menschen bis hin zur Massenflucht aus betroffenen Regionen. Hiervon sollen auch wesentliche Teile Europas betroffen sein.

ÖFFENTLICHER DRUCK

„Für den Mittelmeerraum zeichnen die Klimaforscher düstere Prognosen einer Versteppung der Küsten, akuten Wassermangel mit drastischen Folgen für die Landwirtschaft und den Tourismus“, schreibt Kneissl. Bis 2080 könne die Durchschnittstemperatur in Europa um zwei bis vier Grad steigen. An den Nordseeküsten könne der Meeresspiegel infolge des Abschmelzens des arktischen Eises um einige Meter steigen und damit weite Teile der Niederlande und Norddeutschlands allen Deichbauten zum Trotz unter Wasser setzen.

Die Lage ist also ernst: Ob in Sachen Klima, Ressourcen, Luftverschmutzung, Zustand der Böden, Flora und Fauna oder was die anarchistische Urbanisation in manchen Ländern der Welt angeht, in jedem Punkt herrscht Alarmstufe Rot. Dies alleine allerdings und die wiederholten Mahnungen der Experten hätten die Wirtschaft nicht unbedingt dazu bewegen können, sich mit dem Thema Ökologie auseinanderzusetzen. Vielmehr haben die in regelmäßigen Abständen auftretenden Naturkatastrophen den Umweltschutz in die öffentliche Diskussion gebracht, wo er mittlerweile mit der damit verbundenen Energiefrage einen zentralen Platz eingenommen hat. Umfragen fanden heraus, dass für circa 85 Prozent der EU-Bürger Umweltfragen genauso wichtig wie soziale oder ökonomische Themen sind. Wobei die Umweltfrage stark von sozialen und ökonomischen Aspekten geprägt ist. So sollte es kein Zufall sein, dass die Zunahme der ökologischen Probleme zeitgleich mit der globalen wirtschaftlichen Expansion stattfindet. Wohlgemerkt: Dabei nimmt die „ökologische Ungerechtigkeit“ ebenfalls zu. Denn manche Regionen haben große Fortschritten in Sachen Umwelt gemacht, indem sie einfach ihre Fertigung mit all den Folgen in andere Gegenden ausgelagert haben.

Jedenfalls gibt es nun ein öffentliches Bewusstsein für die Umweltfrage, das auf Unternehmen einen gewissen Druck ausübt. Wollen sie die Erwartungen der Konsumenten nicht enttäuschen, die von ihnen das Pflegen ethischer Werte und das Tragen von sozialer Verantwortung mit Nachdruck verlangen, sehen sie sich zum Handeln gezwungen.

Nicht nur die Kunden machen Druck, sondern auch der Gesetzgeber – anhand von Standards und anderen Regularien. So gibt es immer mehr Richtlinien, die Herstellern vorschreiben, was sie bei der Produktion, der Entsorgung und dem Recycling ihrer Produkte berücksichtigen müssen. Dem Verbraucher sollen Umweltzeichen wie etwa der „Blaue Engel“ und einige andere die nötige Orientierung geben. Inzwischen bilden zahlreiche Öko-Label eine unübersichtliche Sammlung und sorgen mitunter auch für Verwirrung.

Ein weiterer Grund für die Wirtschaft, sich zur Umwelt zu bekennen, ist der allgegenwärtige Sparzwang. Quer durch die Branchen sind Einsparungen an der Tagesordnung. So müssen Unternehmen und Organisationen Produkte anbieten, die helfen, Energie zu sparen und Abfall, dessen Entsorgung immer teurer wird, zu vermeiden.

STEIGENDE ENERGIEPREISE

Zumal Energie immer kostspieliger wird. Ob in die Höhe schnellende Benzinpreise oder rasant steigende Gas- und Strompreise – in den vergangenen Jahren war eine kontinuierliche Steigerung der Energiepreise zu beobachten. Dies liegt zum Teil daran, dass der Energiebedarf weltweit zugenommen hat, sodass die Energieträger immer knapper werden. Insbesondere aufstrebende Volkswirtschaften wie China und Indien zeigen in diesem Bereich einen kaum zu sättigenden Appetit – Tendenz steigend.

Der Druck ist also da und dem kann sich die Wirtschaft schlecht entziehen. „Grün werden“, heißt partout die Devise. Von Nachhaltigkeit ist nur noch die Rede und von einem schonenden Umgang mit stets knapper werdenden Ressourcen. Doch steht dies nicht im Widerspruch mit ungebremstem Wachstum, hohen Gewinnen und der Jagd nach immer mehr Marktanteilen?

EIFRIGER AKTIONISMUS

„Wachstum bedeutet in der Regel mehr Konsum, und dieser verschlingt Ressourcen, mindestens bei der Produktion, oft aber auch noch – wie beim Autofahren – zusätzlich bei der Nutzung des Konsumguts“, schrieb bereits vor einiger Zeit die Süddeutsche Zeitung. „Bei radikalen Wachstumskriterien können Konzerne deshalb auch mit grünen Strategien nur durchfallen.“ Ohne Wachstum aber kein Wohlstand. Und nur erfolgreiche Unternehmen, die Gewinne verzeichnen, sind auch in der Lage, Arbeitsplätze zu sichern, von denen Familien leben. Und da findet sich der Weg aus der Zwickmühle. „Es gilt, das Streben nach Marktanteilen zu nutzen“, lautet der Ratschlag der Süddeutschen Zeitung. „Unternehmen wirtschaften am konsequentesten umweltverträglich, wenn es für sie einträglich ist. Und dies erreichen sie am ehesten, wenn sie sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.“

Das mit den Wettbewerbsvorteilen hatten manche sehr früh geahnt; teils um sich gesetzlichen Auflagen zu entziehen, teils um von dem, was sie für einen Trend hielten, zu profitieren, fingen sie an, Nachhaltigkeitsberichte zu veröffentlichen, die einerseits interne Abläufe so effizient wie möglich gestalten, andererseits die Marktposition bei Umweltthemen gegenüber Wettbewerbern, Gesetzgebern und Kunden dokumentieren sollten. Diese Berichte sollten als vertrauensbildende Maßnahmen dienen, vorausgesetzt, sie beinhalteten richtige Angaben.

Mit den derzeit zur Verfügung stehenden Instrumenten des Nachhaltigkeitsreportings wird laut eines von dem Meinungsmedium „Der Freitag“ veröffentlichten Blog-Beitrags eines Freitag-Community-Mitglieds die Nachhaltigkeitsleistung im Unternehmensvergleich jedoch nicht sichtbar. „Damit bleiben die Berichte für die Versuchungen des Greenwashings anfällig – auch magere Leistungen fallen im Datenmaterial nicht auf“, schreibt der Autor Gerd Hofielen. „Weitere Anregungen für inhaltliche Tiefe enthält die ISO-Norm 26000 – jedoch sind die Berichte, die mit den bisher genannten Systematiken erstellt werden, nicht zertifizierbar.“ Damit fehle ein wichtiger vertrauensbildender Schritt. Das Environmental Management System (EMAS) sei ein anerkanntes Umweltmanagement-System, das zu beständigen Verbesserungen im Umweltbereich anleite – die Daten werden durch Audits zertifiziert. EMAS erfordere allerdings einen hohen bürokratischen Aufwand des Dokumentierens.

Auch wenn sich viele Betriebe somit zu einer umweltfreundlichen Haltung irgendwie durchrangen, von einer klar definierten Umweltschutzpolitik sind sie oft noch weit entfernt und in der Praxis hat sich trotz eines eifrigen Aktionismus in Sachen Nachhaltigkeitsberichte nicht viel geändert – insbesondere in den Großunternehmen. Eine bereits im Jahr 2010 erschienene Studie des UN-Umweltprogramms UNEP fand heraus, dass allein die 3.000 größten Unternehmen der Welt Umweltschäden von 1,7 Billionen Euro verursachen. „Tierarten, selbst ganze Ökosysteme verschwinden in einem nie da gewesenen Tempo. Doch führende Unternehmen verweigern sich konsequent dem Umweltschutz“, kommentierten damals das Handelsblatt und andere Medien die gewonnenen Erkentnisse. Von 1.100 internationalen Topmanagern habe damals nur jeder vierte befürchtet, Artensterben und der Verlust ganzer Ökosysteme könnten das eigene Geschäft beeinträchtigen. Und wer glaubt, es hätte sich seitdem etwas geändert, der irrt. In vielen Konzernen herrscht heute immer noch die Meinung, natürliche Ressourcen seien unerschöpflich.

MITTELSTAND MACHT ES VOR

Und was ist mit dem Mittelstand? „Viele mittelständische Unternehmen beschreiten bereits einen Pfad nachhaltiger Entwicklung, ohne dies zu thematisieren“, antwortet Helmut Weber aus der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in seinem Vorwort zu der Expertise „Nachhaltigkeit – ein Erfolgsfaktor für mittelständische Unternehmen. Anforderungen an Politik, Gewerkschaften und Unternehmen“. „Gerade Familienunternehmen agieren in ökonomischer Hinsicht häufig schon deshalb nachhaltiger als managementgeführte Großunternehmen, weil die Ressourcenplanung von Mittelständlern in vielen Fällen die Perspektive der nachfolgenden Generation mit im Blick hat.“ Dies sehen Reiner und Julian Seume, Geschäftsführer und stellvertretender Geschäftsführer der ELYSEE Uhren GmbH, auch so: „Familiengeführten Unternehmen liegt nicht nur ökologische, sondern auch soziale Verantwortung sehr am Herzen. Denn in solchen Betrieben denkt man in Generationen anstatt in Quartalen und ist daher stets um langfristige Planung bemüht.“

Nicht zuletzt die Bindung zum Standort schafft Perspektiven. „Mittelständische Unternehmen sollten weiterhin berücksichtigen, dass ihr Erfolg von der Leistungsfähigkeit der Region abhängt“, geben die Verfasser der Studie zu bedenken. Da die Eigentümer mittelständischer Unternehmen in der Region keine Standortverlagerung beabsichtigen, seien sie auf die regionale Infrastruktur, aber auch auf funktionierende gesellschaftliche Strukturen in hohem Maße angewiesen. Durch eine entsprechende Förderung, unter anderem von kulturellen oder sportlichen Aktivitäten, seien sie in der Lage, sich positiv zu präsentieren und ihren Rückhalt in der Region zu stärken, was sich schließlich auch auf die Nachfrage nach ihren Produkten auswirke.

FÖRDERN, ABER RICHTIG

Im Allgemeinen kann man sagen, dass sich der Mittelstand für nachhaltige Entwicklung viel mehr engagiert, als es den Anschein hat – wenn auch nicht ganz einheitlich, wie die Studienautoren betonen. Ein wichtiges Hemmnis für die Umsetzung sehen sie in den knappen personellen, aber auch finanziellen Ressourcen mittlerer Betriebe. Die Verunsicherung begründe sich aber auch daraus, dass viele von ihnen die Auswirkungen nicht erkennen können, die die Einführung eines Nachhaltigkeitsmanagements mitbringt. Insofern bedürfe es noch einer umfangreichen Beratung und Förderung. Doch müssten diese so ausgerichtet sein, dass sie von den mittelständischen Unternehmen auch angenommen werden.

Graziella Mimic

 
Foto: iStockphoto LP

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