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FACTS TITEL Designpreise 4/2018

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Ausgezeichnet!

Wie kann es sein, dass es bei Preisverleihungen beispielsweise in der Film- oder Musikbranche Gewinne gibt, während bei vielen Designauszeichnungen zunächst einmal Gebühren für die Teilnehmer fällig werden? Welchen Stellenwert hat eine Designauszeichnung in der heutigen Zeit überhaupt (noch)? Und wie steht es um das Thema Transparenz? Vor allem in der Designbranche gibt es bereits seit mehreren Jahren eine heftige Kontroverse darüber. Was denken Teilnehmer beziehungsweise Preisträger darüber? Und wie reagieren die Veranstalter auf die Kritikpunkte? FACTS hat nachgefragt.

 

Nicht nur die Wahrnehmung des Designs als Gestaltungsmerkmal eines Produkts hat sich in den letzten Jahren verändert, sondern auch das damit verbundene Bedürfnis nach Auszeichnungen für die Dinge, die man selbst geschaffen hat. Das ist so weit ja auch gar nicht verwerflich, denn ein funktionierender Wettbewerb kann Wirtschaft und Unternehmen stärken.

In welche Richtung sich viele Wettbewerbe inzwischen zu entwickeln scheinen, passt den Kritikern überhaupt nicht. Es fing so an, dass die meisten Institutionen schnell das Potenzial, das das Verleihen von Awards mit sich bringt, erkannten, und sie kommerzialisierten kurzerhand ihre Preisverleihung. Einige Veranstalter änderten zudem ihren Namen: Aus dem „Roten Punkt“ vom Haus Industrieform wurde der „Red Dot“, aus „Gute Industrieform“ der Hannover Messe entstand der „iF Award“ und der heutige „German Design Award“ entstammt dem „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland“. Aus einem einzigen Sieger wurden nach und nach mehrere, die Anzahl der Kategorien, in denen man teilnehmen konnte, wuchs bei vielen Institutionen ebenso an, und zwar teilweise so stark, dass man bei einigen Wettbewerben schier den Überblick verlieren könnte. Doch ist das allein schon Grund zur Kritik?

VIEL KRITIK IM RAUM

Was viele bemängeln, ist eher, dass die zunehmende Quantität der Wettbewerbe mit einer Verminderung der Qualität innerhalb des Wettbewerbs einhergehe. Die Leidtragenden sind zum einen diejenigen Institutionen, die auf Kommerz verzichten, die also auf Förderung angewiesen sind und die bei all den Wettbewerben schlichtweg an Aufmerksamkeit verlieren. Zum anderen steht die Kritik an den fälligen Gebühren für alle Teilnehmer im Raum.

So hat die Designerin Juli Gudehus im Jahr 2006 in einem offenen Brief an den damaligen Bundeswirtschaftsminister kritisiert, dass allein die Nominierung kostenpflichtig sei. Unter anderem verwies sie darauf, dass der zu zahlende Preis ja erst einmal verdient werden müsse und dass dies für Kleinstunternehmen in der Regel sehr schwierig sei. Ob nur finanzkräftige Designbüros für die Teilnahme angedacht seien, war die daraus folgende Frage, die sie stellte. Außerdem: Musiker, Schauspieler und Wissenschaftler beispielsweise müssten ja auch nicht für einen Grammy, Oscar oder Nobelpreis bezahlen, sondern können – wie im Falle des Nobelpreises – mit einer „hübschen Preissumme“ rechnen, die dann wiederum in die Forschung investiert werden kann. Warum also soll das bei Designern anders sein?

 

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„ECHTE“ GEWINNER:  Verstecken müssen sich diese (Bürodreh-)Stühle, Monitorhalterungen und Regalsysteme ganz bestimmt nicht, denn sie gehören zu den wenigen Gewinnern der oberen Ränge der jeweiligen Wettbewerbe. Damit haben sie sich in der Regel gegen mehrere Tausend Konkurrenten durchgesetzt.

 

Mit dieser Meinung stand sie damals wie heute keineswegs allein da – so äußerten sich im Laufe der Jahre viele renommierte Designer kritisch zu diesem Thema, wie kürzlich Daniel Hyngar, der seinen Missmut ebenfalls in einem offenen Brief veröffentlichte. Der Designer hat sich nach eigenen Angaben nicht selbstständig für den German Brand Award 2016 beworben, bekam allerdings trotzdem per Post eine Nominierung, die ihn mehrere Hundert Euro kosten sollte – im Falle eines Gewinns würden dann noch mehrere Tausend Euro hinzukommen. Seine Schlussfolgerung: „Wenn ich es angesichts der enormen Kosten recht betrachte, beschleicht mich das Gefühl, dass es sich bei Ihrem und vielen anderen Designwettbewerben nicht um einen Preis oder eine Auszeichnung handelt, sondern vielmehr um ein Gütesiegel, das man sich mit etwas Glück einkaufen darf, um anschließend ‚die Markenkompetenz wirkungsvoll und glaubwürdig zu kommunizieren‘“, adressiert er die Veranstalter. Seine Nominierung durfte er übrigens kostenfrei zurückgeben, wenn auch er eine gewisse Verlockung zugeben musste: „Die Tatsache […], dass ich aus heiterem Himmel von offiziell erscheinender Stelle für Ihren Award nominiert wurde, vermittelt eine zuckersüße Exklusivität, der man schwer widerstehen kann.“

Aus der Sicht von Designern, selbstständigen Kreativen und kleinen Agenturen scheint der Ärger über eine solche Zahlung sicherlich verständlich, denn hohe Teilnahme- und Preisgebühren begünstigen große, etablierte Agenturen, während sie selbst die entsprechenden Beiträge nicht aufbringen können. Doch man darf nicht vergessen, dass die Jury bezahlt, Werbung gemacht und ein großes Event drum herum veranstaltet werden muss – das kostet. Die Auszeichnungen sind „aus gutem Grund“ kostenpflichtig, antworteten die Veranstalter des German Brand Award auf den offenen Brief von Hyngar, da man sich einem Designbegriff verpflichtet fühlte, „der in der Lage ist, vor allem wirtschaftliche Werte zu schaffen“. Die Institution vergebe keinen „Kunst-, Literatur- oder Theaterpreis“, sondern vermarkte die „kreativen und strategischen Leistungen der Industrie und ihrer wirtschaftsnahen kreativen Dienstleister.“

OBJEKTIVITÄT GEWÄHRLEISTET?

Auch die vielfach gestellte Frage nach der Neutralität und Objektivität der Jury scheint zunächst nicht unbegründet – auch wenn diese, das soll an dieser Stelle ganz klar gesagt werden, natürlich nicht auf alle Wettbewerbsausträger zutrifft. Beispielhaft wird in Kritiken häufig der ADC-Award angeführt, der Auszeichnung des Art Directors Club für Deutschland, in dem sich inzwischen mehr als 690 Köpfe der kreativen Kommunikation zusammengeschlossen haben. Dabei sind renommierte Designer, Journalisten, Architekten, Szenografen, Fotografen, Illustratoren, Regisseure, Komponisten, Produzenten und Werber. Der ADC sieht sich selbst als Maßstab der kreativen Exzellenz und zeichnet herausragende Kommunikation aus. Jedoch scheint es ein allgemein bekanntes Problem zu geben: In der Jury sollen alle diejenigen vertreten sein, die schließlich auch mit einer Auszeichnung von der Bühne gehen. Natürlich würde kein Jurymitglied für seine eigenen Projekte stimmen – aber die eigene Arbeit bei den Kollegen in der Jury unauffällig schmackhaft zu machen – diese Chance scheinen sich viele nicht entgehen zu lassen, wenn man den zahlreichen Internetquellen Glauben schenken darf. Genauso gibt es aber auch Stimmen von Designern, die selbst als Jurymitglied, beispielsweise beim Red Dot Award, tätig waren und die die dort tätige Jury als sehr kompetent, neutral und sorgfältig vorgehend bezeichnen – und keinerlei Anzeichen von fehlender Objektivität ausmachen konnten.

Nicht zuletzt scheint aber vor allem die fehlende Transparenz im Award-Dschungel vielen übel aufzustoßen: Wofür eine Auszeichnung steht und wie sie schließlich zu werten ist, können vor allem die unwissenden Konsumenten nicht einordnen. Sie sehen nur ein Siegel, das wie ein Qualifikations- und Qualitätsnachweis anmutet. Auch wissen sie nicht, ob die Jury bei der Bewertung ein reales Produkt vorliegen hatte – oder eben nur ein Foto, eine Grafik und Informationsmaterial, was unglaublicherweise bei manchen Wettbewerben gang und gäbe ist. Ob das Produkt oder Projekt nur einer von 1.000 weiteren Gewinnern ist und ob es in einem hohen Rang als „wahrer Gewinner“ ausgezeichnet wurde, lässt sich von einem Laien ebenfalls nicht einschätzen.

Die Kontroverse, die sich rund um das „Award-Business“ abzeichnet, wird sicherlich noch andauern, schließlich wird sie vor allem durch die Stimmen der Beteiligten (wie hier im Text am Beispiel der beiden Designer) immer wieder aufs Neue angeheizt. FACTS möchte in diesem Zusammenhang den austragenden Institutionen gerne die Möglichkeit zu einer Stellungnahme zu all den Vorurteilen und Kritiken geben.

Anna Köster

 

INTERVIEW ... zu Kosten, Objektivität und Transparenz 

Lesen Sie das FACTS-Interview mit Professor Dr. Peter Zec, Initiator und CEO des Red Dot Awards und das Interview mit Ralph Wiegmann, Geschäftsführer der iF International Forum Design GmbH. Hier im Download des Artikels als PDF.

 

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PROFESSOR DR. PETER ZEC, Initiator und CEO des Red Dot Award: „Als Ausrichter des Red Dot Award: Product Design verpflichten wir uns zu größtmöglicher Transparenz, denn nur so können Verbraucher und Teilnehmer das Jurierungsverfahren nachvollziehen und den Wert der Auszeichnung richtig einschätzen.“

 

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RALPH WIEGMANN, Geschäftsführer der iF International Forum Design GmbH: „Bei unserem iF DESIGN AWARD haben wir inzwischen eine so hohe durchschnittliche Designqualität erreicht, dass die Jury immer mehr gefordert wird.“

 

 


 Fotos: Hersteller, shutterstock

 
 
 
 

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