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FACTS TITEL Energiekosten 7-8/2018

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Wirtschaft unter Strom

Wir alle ahnen es, die Experten wissen es: Die Energiekosten werden weiterhin steigen. Der einzige Weg aus dieser Not geht über stringente Effizienzmaßnahmen. Doch die dafür erforderlichen Ausgaben erweisen sich für viele mittelständische Unternehmen als eine schwere Bürde – zumal sie selten in den Genuss der vielen Vergünstigungen und Ausnahmeregelungen kommen.

 

Es leuchtet jedem ein: Investitionen in Einsparmaßnahmen gewinnen aufgrund der steigenden Energiepreise an Attraktivität. Diese Tendenz wird sich mit Sicherheit fortsetzen, da Energiewende, Ausstieg aus der Kernenergie und der vermehrte Einsatz regenerativer Energien eine weitere Zunahme der Kosten zur Folge haben werden.

„Energieeffizienz wird für den deutschen Mittelstand zu einer immer wichtigeren Angelegenheit. Die Mehrheit der Unternehmen hat das Thema ganz oben auf die Agenda gesetzt und beschäftigt sich gezielt damit, die Energiekosten durch Energieeffizienzmaßnahmen zu verbessern“, kommentierte Peter Bartels, Vorstand und Leiter des Bereichs Familienunternehmen und Mittelstand bei der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) die Ergebnisse der 2015 durch-geführten Studie „Energiewende im Mittelstand“. Im Rahmen der Untersuchung hatten die PwC-Analysten branchenübergreifend 200 Führungskräfte mittelständischer Unternehmen mit einem Umsatz von 50 bis 500 Millionen Euro befragt.

Und auch eine Auswertung des KfW-Wettbewerbsindikators 2016 – dabei wurden mehr als 3.100 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in zehn wichtigen Volkswirtschaften Europas und der Welt auch zum Thema Corporate Social Responsibility (CSR) interviewt – zeigte, dass sich für viele Mittelständler ein verantwortungs-volles und auf nachhaltige Entwicklung ausgerichtetes Verhalten als wichtig erweist. Insbesondere der Bereich Umwelt nimmt einen hohen Stellenwert ein: Die Verbesserung der Energieeffizienz kommt mit 37 Prozent an erster Stelle auf diesem Gebiet, gefolgt von Klima- und Umweltschutz (32 Prozent) und der Verbesserung der Materialeffizienz (28 Prozent).

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KOSTENSTEIGERUNG: Energiewende, Ausstieg aus der Kernenergie und der vermehrte Einsatz regenerativer Energien werden eine weitere Zunahme der Kosten zur Folge haben.

 

 

Zu diesem Schluss war die KfW-Bankengruppe infolge einer Umfrage zur Energieeffizienz der KMU bereits Ende 2013 gekommen. „Für knapp die Hälfte aller KMU hat das Thema Energiekosteneinsparung eine wachsende unternehmerische Bedeutung und motiviert zu Effizienzmaßnahmen“, erklären die Studienverfasser. Dies gelte besonders für größere KMU mit mehr als 50 Mitarbeitern – bei ihnen stufen immerhin rund 73 Prozent, also fast drei Viertel, das Thema als wichtig oder sehr wichtig ein.

Um ihre Energiekosten zu optimieren, wechseln Mittelständler meist den Energieversorger oder lassen ihren Liefervertrag ändern. Darüber hinaus stellen sie auf erneuerbare Energien um oder setzen verstärkt auf sie. In erster Linie seien es größere Unternehmen, die in energieeffiziente Produktionsanlagen und Geräte investieren. Auch nehmen sie Energieberatungen fast viermal häufiger in Anspruch (41 Prozent), als kleine Unternehmen es tun (11 Prozent).

INFORMATIONSDEFIZITE

Insgesamt leistet der Mittelstand laut den KfW-Experten schon seinen Beitrag zur Erreichung energie- und klimapolitischer Ziele. Dennoch bestehe noch „Luft nach oben“. Dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) nach investiere ein großer Teil der Unternehmen bereits seit Jahren in Maßnahmen und Prozesse, um die Energiebilanz zu verbessern. Der Grund sei klar – ein geringerer Energieverbrauch bedeute niedrigere Kosten und somit höhere Wettbewerbsfähigkeit. Nicht zuletzt auch leisten die Unternehmen mit ihren Energieeinsparungen einen wichtigen Beitrag zur Energiewende und tragen dazu bei, die deutschen Klimaziele zu erreichen. Nichtsdestotrotz sei es so, dass gerade kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ihr Potenzial für mehr Energieeffizienz nicht ausschöpfen, wenngleich sich das wirtschaftlich lohnen würde.

Also ist die Energiewende in den meisten Unternehmen noch nicht wirklich angekommen. Dabei zahlen sich Investitionen in Energieeffizienz für deutsche Mittelständler auf jeden Fall aus. Dies stellten auch die PwC-Experten während ihrer Untersuchung fest: „In mehr als jedem dritten Unternehmen ließen sich die Energiekosten durch Investitionen in Energieeffizienz um 20 Prozent und mehr reduzieren, wodurch die Gesamtkosten um 3,6 Prozent gesenkt werden konnten.“ Mehr als die Hälfte der Investitionen der befragten Mittelständler amortisiere sich nach weniger als zehn Jahren. Konkret betrage die durchschnittliche Amortisationsdauer einer Energieeffizienz-investition sogar nur 8,5 Jahre. Für 89 Prozent der Befragten sei die Senkung der Energiekosten der Grund für die Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen, gefolgt von dem Wunsch nach Modernisierung und Wertsteigerung (47 Prozent) ihres Unternehmens. Nur jedes dritte Unternehmen sei lediglich bestrebt, gesetzliche Vorgaben zu erfüllen (33 Prozent).

Doch warum schöpfen mittelständische Betriebe ihr Potenzial in Sachen Energieeffizienz nicht aus und verschenken die Vorteile, die ihnen eine verbesserte Energiebilanz verschaffen würde? Antworten gibt eine Unternehmensumfrage der als Gemeinschaftsprojekt von Bundeswirtschaftsministerium, Bundesumweltministerium, Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) getragenen Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz, an der sich mehr als 1.000 Unternehmen aller Branchen beteiligt haben: „In den meisten Fällen setzen Unternehmen keine Effizienzmaßnahmen um, weil sie daran zweifeln, ob sich diese auch bezahlt machen. Besonders hohe Investitionskosten und lange Amortisationskosten wirken abschreckend.“ Hinzu komme, dass die Unternehmen oft nicht über genug Personal verfügen, um gezielt Einsparpotenziale zu ermitteln, die Maßnahmen zu planen und umzusetzen. Aus diesen Ergebnissen hat die Mittelstandsinitiative im Auftrag des BMWi Handlungsempfehlungen für Unternehmen, für Multiplikatoren wie Kammern, Verbände oder Energieberater und speziell für die öffentliche Hand, das heißt Bund, Länder und Kommunen, erarbeitet.

„Da viele Unternehmen gerade bei Beratungs-, Finanzierungs- und Förderoptionen unzureichende Kenntnisse haben, sind sowohl Energieberater als auch die Unternehmen gefragt, diese Informationsdefizite abzubauen“, moniert zudem das BMWi. „Die verschiedenen Angebote und Programme für alle Phasen – von der ersten Beratung bis zur Umsetzung – sollten nahtlos ineinandergreifen; dafür sind bessere Absprachen zwischen der Vielzahl von Akteuren gefordert.“ Darüber hinaus solle die öffentliche Hand bei der Konzeption von Förder- und Finanzierungsprogrammen enger mit Finanz-instituten kooperieren. Nur so lasse sich verhindern, dass Unternehmen, auch wenn sie Energieberatungen in Anspruch nehmen, die empfohlenen Maßnahmen doch nicht umsetzen, weil ihnen Informationen zur Finanzierung fehlen oder die Auswahlmöglichkeiten zu unübersichtlich sind.

KONKRETE HILFE

Denn konkrete Hilfe in Sachen Energieeffizienz gibt es in der Tat, was viele nicht wissen, in Form von Förderprogrammen. „Bereits mit der Erneuerung des Energie- und Stromsteuergesetzes, dem Spitzenausgleich und der Erneuerbare-Energien-Gesetz(EEG)-Ausgleichsregelung setzt die Bundesregierung Anreize für Unternehmen, ein Energiemanagementsystem gemäß ISO 50001 einzuführen“, erläutert der TÜV Rheinland (siehe Infokasten). „In einer Förderrichtlinie vom 18. März 2015 hat die Bundesregierung die Bedingungen für die Förderung der rationellen und sparsamen Energieverwendung festgelegt. Ziel der Förderrichtlinie ist es, weitere Unternehmen, die nicht von dem Spitzenausgleich profitieren, zur Einführung eines Energiemanagementsystems zu bewegen.“

Denn die für den Erfolg von Energieeffizienzmaßnahmen notwendige Systematik kann nur ein konsequentes Energiemanagement schaffen. Dies soll laut Mittelstandsinitiative mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen verstanden und ein Energiemanagementsystem bereits eingeführt haben oder es derzeit einführen. Und ganze 65 Prozent verfügen über einen Energie- oder Umweltverantwortlichen. Letzteres ist nicht unbedeutend, denn die Untersuchung stellte fest, dass in Betrieben, in denen ein Mitarbeiter für das Thema Energie und Umwelt verantwortlich ist, Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz häufiger umgesetzt werden, als wenn es keinen gibt.

ABSURDE ZUSTÄNDE

Es hat also den Anschein, als ob der Mittelstand in Sachen Energieeffizienz doch gar nicht so schlecht dastehen würde. Doch ist es wirklich so? Lohnen die Mühe und der Aufwand? Der Beitrag zum Klimaschutz kommt dabei zweifellos zustande. Doch bringt die eingesparte Energie tatsächlich spürbare Kostenentlastung und Wettbewerbsvorteile?

Das sehen manche etwas anders. „Es gibt viele staatliche Fördermaßnahmen, um energetische Optimierungen durchzuführen. Hierbei kann es aber zu erstaunlichen Ergebnissen kommen, wenn andere Vorteile wegfallen, weil nach Umsetzung der Energiesparmaßnahmen zu wenig Energie verbraucht wird“, berichtete beispielsweise vor einiger Zeit der Mittelstandsverbund – ZGV e. V. und beschrieb, wie sich in manchen Fällen dank energiesparender Maßnahmen der Verbrauch zwar reduzieren ließ, dafür aber die sogenannte Konzessionsabgabe, die Stromunternehmen für die Belieferung ihrer Kunden an die jeweiligen Städte und Gemeinden zahlen müssen, stieg – die Höhe dieser Abgabe hängt einerseits von der Größe der Stadt ab, andererseits von verschiedenen Staffelungen, durch die sich der Preis bestimmt. „Je weniger gebraucht wird, desto höher die Abgabe“, schilderte der Mittelstandsverbund die absurde Situation. Die Energiesparlampen rund um die Uhr brennen zu lassen, bis die günstigere Konzessionsabgabe erreicht ist, könne ja wohl nicht im Sinne der Energiewende und des Klimaschutzes sein.

Dass der Mittelstand gerne zur Kasse gebeten wird, ist gewiss nichts Neues – man denke nur daran, dass industrielle Großverbraucher von Stromsteuer, Konzessionsabgaben und dem Entrichten von Netzentgelten häufig befreit werden. Und nicht nur das. Auch beim Emissionshandel gibt es kuriose Zustände, die gewiss nicht im Sinne des Erfinders sind. „Seit 2005 gibt es in der Europäischen Union einen munteren Handel mit Emissionszertifikaten“, legte ZDF heute Anfang 2018 dar und erläuterte: „Dabei geht es weder um Waren noch um Aktien. Ein Zertifikat ist nichts anderes als die Berechtigung, eine Tonne Kohlendioxid oder ähnliche Schadstoffe auszustoßen. Das bedeutet also: Wird ein Unternehmen klimafreundlicher, kann es Zertifikate verkaufen. Wird es das nicht – etwa, weil es die Produktion hochfährt –, muss es welche dazukaufen.“

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ZUR KASSE BITTE: Während Großunternehmen der Industrie von Vorteilen in Milliardenhöhe profitieren, kommen mittelständische Betriebe selten in den Genuss von Rabattregelungen.

 

 

Dies soll Unternehmen dazu animieren, in neue, umweltschonende Technologien zu investieren. Somit benötigen sie weniger Zertifikate, können die überzähligen zu Geld machen und handeln im Sinne des Klimaschutzes. Doch damit die Rechnung aufgeht, dürfen die Investitionen nicht teurer zu stehen kommen als die Zertifikate.

Und hier drückt der Schuh: „Es gibt nämlich schlicht zu viele Emissionszertifikate auf dem Markt, ein Überangebot. Sie werden deshalb zu regelrechten Dumpingpreisen gehandelt“, klärt ZDF heute auf. „Die Emission von einer Tonne Kohlendioxid, was einem Zertifikat entspricht, war zeitweise für nur rund fünf Euro zu haben. Im Moment sind es acht, 2005 waren es noch 30 Euro. Das führt dazu, dass zu wenige Unternehmen einen Nutzen darin sehen, Geld in klimafreundliche Technik zu stecken.“

UND WAS MACHT DIE POLITIK?

So weit habe es nicht kommen dürfen, da die Menge der Emissionszertifikate gedeckelt und seit Beginn des Handels von der EU festgeschrieben sei. Die Zertifikate werden über die Mitgliedstaaten nach festen Regeln an die Unternehmen vergeben – entweder „kostenlos“ oder über eine Versteigerung. Pro Jahr seien dies europaweit rund zwei Milliarden Emissionszertifikate.

Und was macht die Politik? „Aus dem dann einsetzenden Handel zwischen den Unternehmen halten sich Politik und Behörden heraus. Gekauft und verkauft wird an nationalen und internationalen Börsen, über Makler und manchmal auch direkt zwischen den Unternehmen“, gibt ZDF heute die Antwort. „Echte ‚Papiere‘ sind die Emissionszertifikate dabei natürlich nicht. Sie existieren lediglich in elektronischer Form und ‚lagern‘ in der Regel auf speziellen Konten.“

Der Ausstoß von CO2 müsse deutlich mehr kosten und der Zertifikatüberschuss beseitigt werden, schrieb dazu das Handelsblatt bereits vor einigen Jahren – die beschriebenen Missstände gibt es nicht erst seit gestern. Vor allem sei es nötig, die aus dem Ruder gelaufenen Vorteile für Teile der Industrie deutlich zu beschneiden und die Kosten des Umbaus der Energiewirtschaft endlich fair auf alle Schultern zu verteilen. „Um dies durchzusetzen, darf die Regierung nicht davor zurückschrecken, die schlagkräftigsten Lobbygruppen in Deutschland in ihre Schranken zu weisen. Nur dann wird sie die notwendige Autorität gewinnen, die für die weiteren Reformen bei der Energiewende dringend notwendig ist.“

Eine Reform ist mittlerweile tatsächlich geplant. „Die EU will das System ab 2021 reformieren und dabei Jahr für Jahr deutlich mehr Zertifikate aus dem Markt nehmen als bisher“, erklärt ZDF heute. „Schon länger fordern Umweltschützer einen ‚dynamischen Faktor‘ , also eine fest kalkulierbare allmähliche Reduzierung der Zertifikate. Dies würde den Druck erhöhen und auch die Suche nach klimafreundlichen Technologien vorantreiben.“ Infolgedessen könne der Preis für die Zertifikate bald wieder steigen und der Emissionshandel zu dem werden, was er sein sollte, nämlich ein effizientes Klimaschutzprojekt, das für die Volkswirtschaft so billig ist wie kaum ein anderes.

Eins ist jedenfalls sicher: Mit oder ohne Reform und mit oder ohne Rückenwind von der Politik werden sich Unternehmen intensiver mit ihrem Energieverbrauch befassen müssen. Information und Beratung kommt laut der Mittelstandsinitiative eine zentrale Bedeutung zu: „Ein Potenzial, das nicht erkannt wird, kann nicht aktiviert werden. Investitions- und Förderprogramme, die nicht bekannt sind, können auch nicht in Anspruch genommen werden. Umgekehrt beeinträchtigen auch unübersichtliche Informationen, Auswahlmöglichkeiten und Komplexität die Umsetzung von Maßnahmen.“

Graziella Mimic

 

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 Fotos: shutterstock

 
 
 
 

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