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FACTS TITEL Fachkräftemangel 6/2019

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Die Welt, wie sie uns gefällt

Nicht erst seit gestern stellt der Mangel an Fachkräften das Thema öffentlicher Diskussionen dar. Politik und Lobbyverbände der Wirtschaft werden nicht müde, vor seinen gravierenden Folgen zu warnen – insbesondere der Mittelstand könne aufgrund dessen seine starke Exportstellung einbüßen. Flächendeckende Engpässe in Sachen qualifiziertes Personal sehen Experten dagegen keinesfalls. Warum also diese Drohkulisse und wessen Interessen dient sie?.

Seit Jahren schon predigen Vertreter von Politik und Wirtschaft, die Fachkräfte gingen uns zunehmend aus, und schildern die Folgen in den schlimmsten Tönen. Speziell der Weggang der Babyboomer, also der geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit, die sich in die Rente verabschieden, werde von den nachrückenden Generationen nicht ausreichend kompensiert und reiße große Lücken in die erwerbstätige Bevölkerung, was schließlich Deutschlands Wachstum nachhaltig schädige. So werde es für Unternehmen immer schwieriger, die Aufträge zu erfüllen, bald werde die Konjunktur daran glauben müssen.

„Die Fachkräfteengpässe nehmen zu“, heißt es auch im DIHK-Arbeitsmarktreport 2018. Als Folge Nummer eins nennen die Betriebe laut der Untersuchung „Fachkräfte gesucht wie nie!“, die im März 2018 in Berlin im Haus der Deutschen Wirtschaft vorgestellt wurde, eine Mehrbelastung der vorhandenen Belegschaft. Mehr als jedes vierte Unternehmen befürchte einen Verlust von Innovationsfähigkeit, bei den großen sei es jedes zweite. Dadurch stünden langfristig Wachstums- sowie Produktivitätspotenziale auf dem Spiel.

ENTWARNUNG

Ist dem aber wirklich so? Inzwischen widerlegen zahlreiche Untersuchungen diese Behauptungen und geben Entwarnung. „Häufig ist zu hören, dass qualifizierte Fachkräfte gesucht werden und Deutschland auf einen Fachkräftemangel zusteuert. Eine allumfassende Kennzahl zur Messung von Mängeln beziehungsweise Engpässen gibt es nicht“, fand die im Dezember 2018 veröffentlichte „Fachkräfteengpassanalyse“ der Bundesagentur für Arbeit heraus. Zwar gaben viele Arbeitgeber an, die Besetzung offener Stellen falle zunehmend schwerer oder es sei im Inland nahezu ausgeschlossen, die passenden Fachkräfte zu finden. Dennoch seien im Schnitt der vergangen zwölf Monate (November 2017 bis Oktober 2018) in Deutschland rund 2,37 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet gewesen, darunter 1,14 Millionen Fachkräfte, Spezialisten und Experten! 

Ein Zeichen dafür, dass an Fachkräften keinesfalls Mangel herrscht, sehen Experten darin, dass deutsche Gehälter nicht signifikant gestiegen sind. „Ein ziemlich untrüglicher Beleg dafür, dass von einer dramatischen Knappheit von Arbeitskraft in Deutschland keine Rede sein kann, dürfte die Gehaltsentwicklung sein“, schrieb die Wirtschaftswoche bereits vor einiger Zeit. Und die Welt zitierte im Dezember 2018 Karl Brenke, langjähriger Arbeitsmarktexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): „Wenn wir tatsächlich nennenswerten Fachkräftemangel hätten, könnte man das am ehesten an steigenden Löhnen sehen, weil sich die Betriebe dann anstrengen müssten, die guten Leute zu bekommen.“

Die prosoft EDV-Lösungen GmbH & Co. KG, ein Anbieter von Softwarelösungen für Personalmanagement, sieht die Sache ähnlich: „Oft geht das Unterangebot an Fachkräften mit steigenden Gehältern für die entsprechende Berufsgruppe einher. Die Gehaltsentwicklung ist also auch ein Indikator für den Fachkräftemangel.“ Die Folge sind angebotsseitige Anpassungsreaktionen, da sich womöglich mehr Menschen für eine Berufsausbildung entscheiden, die ihnen die nachgefragten Qualifikationen vermittelt. „Mangelberufe werden als Investition in die Zukunft verstärkt ergriffen. Das Unterangebot an qualifizierten Fachkräften kann außerdem dazu führen, dass Fachkräfte aus dem Ausland zuwandern“, erörtern die Experten. „Diese Reaktionen verursachen möglicherweise sogar einen Überschuss an Fachkräften, eine sogenannte Fachkräfteschwemme. Die Löhne der vormals hart umkämpften Arbeitskräfte sinken dadurch tendenziell.“

SINKENDE BEWERBERZAHL

Dieser Mechanismus sei schließlich der Grund, weshalb der Begriff des Fachkräftemangels so oft in der Kritik steht. Immerhin könne ein Mangel an qualifizierten Mitarbeitern strategisch kommuniziert werden, mit dem Ziel, dass sich immer mehr Menschen zu Fachkräften ausbilden lassen und das künftige Überangebot zu sinkenden Löhnen führt. Dadurch ließen sich Personalkosten gezielt einsparen.

Und worauf ruht die Wahrnehmung vieler Unternehmen, die Suche nach geeignetem Personal sei bereits jetzt schwieriger geworden? Ist es vielleicht, weil sich nun auf eine ausgeschriebene Stelle statt wie früher etwa 15 heute nur noch sechs Interessenten bewerben? „Die Bewerber rennen den Firmen nicht mehr die Türen ein wie früher. Das schmerzt“, begründete vor einiger Zeit Martin Gaedt, Geschäftsführer von Younect und Autor des Buchs „Mythos Fachkräftemangel“ in einem Interview – ebenfalls mit der Wirtschaftswoche – das Gejammer von Unternehmen und Verbänden. „Die gönnerhafte Gutsherrenart funktioniert nicht mehr. Die junge Generation ist selbstbewusster geworden. Sie weiß, was sie verlangen kann, sowohl finanziell als auch von der Unternehmenskultur.“ Zudem mache das Internet Gehaltsstrukturen und das Innenleben der Firmen transparenter.

Getrübte Wahrnehmung Ist die Wahrnehmung vieler Unternehmen womöglich auch verzerrt, weil die Anforderungen, die sie an den gesuchten Mitarbeitern stellen, unrealistisch und daher kaum zu erfüllen sind? Jung sollen die Bewerber sein und doch studiert und zudem über eine solide Erfahrung verfügen. Sie sollen hohen Konkurrenzgeist an den Tag legen und zugleich absolut teamfähig sein. Sehr oft gehe es nicht um harte Fakten, sondern um die Wahrnehmung der Bewerber durch die Personalverantwortlichen, kommentierte die WiWo eine Umfrage der DIS AG unter 250 Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern.

Cracks downZUKUNFTSÄNGSTE: Laut Experten befürchtet mehr als jedes vierte Unternehmen einen Verlust von Innovationsfähigkeit, bei den großen sei es jedes zweite. Dadurch stünden langfristig Wachstums- sowie Produktivitätspotenziale auf dem Spiel.

 

Im Rahmen der Untersuchung klagten 35 Prozent der Befragten darüber, dass die Kandidaten nicht logisch denken könnten. Ein Drittel der Personaler beschwerte sich über sprachliche Schwächen der Nachwuchsbetriebswirte. Bei den IT-Fachleuten fehle die Teamfähigkeit. Dies sind alles Defizite, die schließlich nichts mit Fachkenntnissen zu tun haben. Wenn ein großer Teil der Unternehmen also erkläre, man habe nicht alle Stellen für IT-Fachleute bedarfsgerecht besetzen können, dann sei vor allem das Wort „bedarfsgerecht“ entscheidend. Und wenn die „Qualität der Mitarbeiter“, die letztendlich eingestellt wurden, nicht den Erwartungen entsprach – wie in einer Fußnote in der Umfrage vermerkt wurde – hieße dies nicht, dass die Stellen unbesetzt blieben.

Eine weitere, bereits vor einigen Jahren durchgeführte Studie des Rudolf-Haufe-Verlags machte darauf aufmerksam, dass Mittelständler die größten Hürden in Sachen Einstellung von Fachkräften häufig bei den Anwärtern selbst sehen. Auch wenn eine Vielzahl von Bewerbungen auf Stellenausschreibungen eintreffe, komme es selten zum Vertragsabschluss. Drei Viertel der Bewerber brächten nicht die erwünschte Kompetenz mit. Fast zwei Drittel erfüllten noch nicht einmal die formalen Anforderungen. Und bei 57 Prozent derjenigen, die sich um eine Fachkräfteposition bewerben, scheitere das Engagement an zu hohen Gehaltserwartungen. Fehlende Bereitschaft, den Wohnort zu wechseln (38 Prozent), nicht vorhandene Bereitwilligkeit, sich auf das Unternehmen einzulassen (36 Prozent), oder mangelnde soziale Kompetenz (35 Prozent) nannten die Unternehmen als weitere, gewichtige Gründe, warum sie Bewerbern eine Absage erteilen müssen.

UNATTRAKTIVE ARBEITGEBER

Allerdings lasse sich laut der Studienverfasser ein Teil der Verantwortung auf das Konto der Unternehmen selbst schreiben. Kleine und mittlere Unternehmen seien vor allem aufgrund ihrer Unternehmensgröße und -struktur im Nachteil. Dies stellten 75 Prozent fest. Auch glaubten 55 Prozent der Befragten, für Fachkräfte nicht attraktiv zu sein, weil sie keine differenzierten Karrierepfade anbieten können. Die fehlende internationale Ausrichtung (40 Prozent), eine am Tarifvertrag orientierte Vergütung (43 Prozent) und Fragen des Images oder des Bekanntheitsgrads (14 Prozent und 35 Prozent) wurden auch angegeben. Der Standortfaktor spiele ebenfalls eine Rolle. So seien 49 Prozent der Unternehmen in einer ländlichen Region angesiedelt und damit nach eigener Einschätzung im Wettbewerb um Fachkräfte benachteiligt.

Tatsächlich und wie anfangs erwähnt sind in bestimmten Regionen und für bestimmte Berufe deutliche Personalengpässe zu verzeichnen. So gebe es laut Experten offene Stellen vor allem in Ballungszentren wie dem Münchener Raum. Gesucht werden in erster Linie Fachleute in technisch-naturwissenschaftlichen Berufen sowie Ärzte und Krankenpfleger. Eine gewisse Anspannung lasse sich darüber hinaus auch im Maschinenbau und der Elektronik spüren.

Und auch in der IT-Branche spitzt sich laut dem Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) der Fachkräftemangel zu. „Der Mangel an IT-Fachkräften hat einen neuen Höchststand erreicht. In Deutschland gibt es derzeit 82.000 offene Stellen für IT-Spezialisten. Das entspricht einem deutlichen Anstieg um 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, heißt es in einer aktuellen Studie zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte des Bitkom – im Rahmen der Untersuchung wurden mehr als 800 Geschäftsführer und Personalverantwortliche in Unternehmen aller Branchen befragt. 2017 seien 55.000 Stellen vakant gewesen.

FachkraeftemangelFACHKRÄFTE À GOGO: Von November 2017 bis Oktober 2018 sind laut der Bundesagentur für Arbeit rund 2,37 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos gemeldet gewesen, darunter 1,14 Millionen Fachkräfte, Spezialisten und Experten! 

 

In den Unternehmen gehe man davon aus, dass die Zahl unbesetzter Stellen weiter steigen werde. Die Personalsuche gestalte sich als langwierig. Im Durchschnitt dauere es fünf Monate, eine offene IT-Stelle zu besetzen. „Quer durch alle Branchen werden IT-Spezialisten händeringend gesucht“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Auch in vielen klassischen Berufen steigen die Anforderungen an die Digitalkompetenz. Diese Entwicklung zeigt sich in der rasant wachsenden Zahl vakanter IT-Jobs.“

Keine rosigen Aussichten, bedenkt man, dass in Zeiten der Digitalisierung IT-Fachleute wichtiger denn je sind, um den Wandel zu gestalten. Doch gerade die digitale Transformation könnte die Situation völlig verändern. „Alleine schon die Digitalisierung wird die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts in einer Weise verändern, die heute bestenfalls ansatzweise erkennbar ist. An immer mehr Stellen werden Maschinen und Automaten menschliche Arbeitskraft ersetzen“, war vor einiger Zeit in einem Gastbeitrag auf der Website von Zeit Online zu lesen. „Selbstfahrende, selbstfliegende, selbststeuernde, rund um die Uhr einsatzbereite, nahezu fehlerfreie, hoch vernetzte, mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Systeme werden an die Stelle von Menschen treten.“ Das alleine werde die Nachfrage nach Fachkräften deutlich verringern.

JETZT HANDELN

Sollte allerdings künftig die Anzahl der zur Verfügung stehenden Fachkräfte doch schrumpfen und sollte ein akuter Mangel an qualifizierten Mitarbeitern tatsächlich eintreten, kann noch gehandelt werden. So sagt der zweite Forschungsbericht „Arbeitsmarkt 2020“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), der eine positivere Arbeitsmarktentwicklung als noch 2012 konstatiert, voraus: „Fachkräftelücken werden bis zum Jahr 2030 insbesondere bei den Gesundheitsberufen, Managern und leitenden Angestellten, Ingenieuren und Naturwissenschaftlern erwartet.“ Hinsichtlich der Fachkräftesicherung seien bei Frauen sowie Menschen mit Migrationshintergrund große Potenziale vorhanden.

Man ist jedoch gut beraten, nicht nur auf qualifizierte Einwanderung zu setzen, sondern auch das Potenzial hierzulande zu erschließen. Unternehmen, die für die Ausbildung sowie für die Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter Geld ausgeben, investieren in ihre Zukunft und müssen nicht fürchten, dass ihnen Fachkräfte ausgehen. Dadurch, dass sie Maßnahmen einsetzen, die sowohl die Kompetenz als auch die Leistungsfähigkeit ihrer Angestellten erhöhen, versetzen sie sich in die Lage, die von der Wirtschaft benötigten Innovationen zustande zu bringen.

Wollen sie auf der sicheren Seite stehen, tun mittelständische Unternehmen zweifellos gut daran, anhand durchdachter Maßnahmen selbst für sachkundiges Personal zu sorgen. So sollten sie es zunächst nicht versäumen, neue Mitarbeiter im Rahmen des „Trainings on the job“ für die anstehenden Aufgaben zu qualifizieren. Im Rahmen der anfangs zitierten Haufe-Studie gaben damals 59 Prozent der Befragten an, sie würden dies bereits tun – die Zahl sollte sich inzwischen erhöht haben. Zusätzliche Kurse für Mitarbeiter mit einer formal geringeren Ausbildungsqualität sind ebenfalls zu empfehlen wie auch solche für sogenannte High Potentials zur Vorbereitung zukünftiger Führungsaufgaben. Und schließlich gilt es, das Thema „lebenslanges Lernen“ nicht zu vernachlässigen und entsprechende Weiterbildungsangebote für ältere Mitarbeiter anzubieten.

Die Vielfalt zeigt, dass die Chance, aus vorhandenem Personal Fachkräfte zu qualifizieren, als solche erkannt wird – dies auch, wenn die Differenzierung der Angebote an einzelne Zielgruppen in vielen Unternehmen noch nicht ausreichend verankert zu sein scheint. Bei der Weiterbildung verlassen sich die Unternehmen vorrangig auf ihre eigene Kompetenz im Rahmen von internen Seminaren. Externe Veranstaltungen werden auch belegt, zusätzliche Weiterbildungsangebote werden in deutlich geringerem Umfang genutzt. Dazu zählt beispielsweise die Ermunterung der Mitarbeiter, zusätzliche Abschlüsse bei Seminaranbietern zu erwerben, oder die Bereitschaft, nebenberufliche Ausbildungsgänge zu unterstützen.

Alles in allem sieht die Zukunft gar nicht so schlecht aus. Bange machen gilt also nicht, ausruhen aber auch auf keinen Fall – schließlich sind Unternehmen, die selbst für qualifizierten Nachwuchs sorgen, auf der sicheren Seite.

Gewiss: Den Fachkräftemangel ohne Weiteres als ein Ammenmärchen zu betrachten, wäre wohl übertrieben. Bestimmte Branchen und Standorte sind bereits davon betroffen. Doch ein flächendeckender Expertenmangel, dem die gesamte deutsche Wirtschaft und ihre Innovationsfähigkeit zum Opfer fallen würden, lässt sich bislang nicht feststellen. Zu erkennen dagegen ist das Ziel einiger Wirtschaftsverbände, aus eigenem Interesse die Lage dramatischer darzustellen als sie tatsächlich ist, ganz nach dem Motto „Machen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt.“

Graziella Mimic

 

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Bilder: shutterstock

 
 
 
 

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