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FACTS-Titel Wirtschaftsethik 6/2016

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Überholte Sittenlehre oder neues Geschäftsmodell?

Wirtschaft und Ethik: Passen diese zwei Begriffe überhaupt zusammen? Bedenke man die rücksichtslose Gier der Banken während der letzten Krise, die Bestechlichkeit einiger Topmanager und den Stellenabbau in Unternehmen trotz hoher Gewinne, sind Zweifel daran absolut berechtigt. Und auch der Trend, Ethik nicht mehr als Maßstab für Gutes und Gerechtes, sondern vorrangig als nützliches Instrument zur Bilanzverbesserung zu betrachten, ist nicht gerade im Sinne des Erfinders. Läuft da womöglich etwas schief? Und wie sieht echtes werte-orientiertes Handeln aus?

 

Schmidt Karsch„Bei dem Ansatz, ethisches Handeln zu fördern, wirken sich das Schaffen einer unternehmensweiten Integritätskultur und ein Management, das seine Vorbildfunktion wahrnimmt und lebt, überaus positiv aus."

 

CAROLINA SCHMIDT-KARSCH,
Geschäftsführerin der WINI Büromöbel
G. Schmidt GmbH & Co. KG

 

 

Kroczek Haertel „Das Pflegen ethischer Werte und das Tragen von sozialer Verantwortung sollten freiwillig erfolgen und das Ergebnis einer ernst gemeinten Überzeugung sein."

LOTHAR KROCZEK (LINKS) UND ALEXANDER HÄRTEL,
beide Geschäftsführer der F.-Martin Steifensand Büromöbel GmbH

 

 

 

 

 Will jemand heute Worte wie Wirtschaft und Ethik in Zusammenhang bringen, wird er  prompt eine Aufzählung bekannter Unternehmen zu hören bekommen, zu der Namen wie etwa Volkswagen, Arcandor oder Commerzbank zählen. Auch wird demjenigen lang und breit über Topmanager berichtet, die den Hals nie voll kriegen und die bereits auf ihre nächste Anstellung schielen, noch während sie saftige Boni in einer Firma kassieren, die sie bald verlassen werden.
Das sind die spektakulären Fälle, mit der sich die Presse wochenlang beschäftigt und die die Nation spalten – die einen regen sich unendlich über solche Geschehnisse auf und zeichnen sie als absolut unmoralisch aus, die anderen meinen, so liefe die Welt nun mal. Weniger aufsehenerregend, doch genauso verbreitet grassiert die Wirtschaftskriminalität im „bescheideneren Stil“. So gehen quer durch alle Branchen die oft jahrelang im Stillen begangenen sogenannten „Kavalierdelikte“ den Unternehmen an die Substanz.

SINKENDE HEMMSCHWELLE

Denn, ob gefälschte Geschäftsbücher, Veruntreuung, Korruption oder Datendiebstahl, aber auch Kreditbetrug und Insolvenzdelikte: Wirtschaftskriminalität blüht und floriert. Von einem Rückgang kann in dem Bereich keine Rede sein. Im Gegenteil begünstigen turbulente Zeiten mit ihren Begleiterscheinungen wie ökonomischer Druck und mangelnde Kontrolle die Verbreitung von kriminellen Machenschaften. Die Hemmschwelle sinkt vor dem Hintergrund des Ausnahmezustands. Neue technische Möglichkeiten tun ein Übriges.
Und die Gründe? Was bewegt Menschen dazu, der eigenen Firma untreu zu werden und kriminelle Energie zu entwickeln? Als Ursache nennen langjährige internationale Studien von PricewaterhouseCoopers zunächst mangelndes Unrechtsbewusstsein. Ferner spielen persönlicher Geiz und die Gier nach mehr eine wesentliche Rolle. So kann ein hoher Anteil der Täter den finanziellen Verlockungen nicht widerstehen. Dazu kommen unternehmensspezifische Faktoren. Zu nennen sind hier unternehmenskulturelle Faktoren, aber auch ganz konkret verdeckte Anreize in Verträgen und Gratifikationsregeln, die beispielsweise Korruption und kartellwidrige Absprachen begünstigen.
In einem Punkt sind sich alle Untersuchungen und Befragungen zu dem Thema einig: Der immer härter werdende Wettbewerb lässt das Wirtschaftskriminalitätsrisiko deutlich steigen. Der Druck, der aus unrealistischen Zielvorgaben hervorgeht, animiert immer wieder in Not geratene Manager, mit strafbaren Mitteln immer höher gesteckte Umsatzziele zu erreichen.
Heißt das also: Mehr Wettbewerb, weniger Ethik? Gehört das Thema mittlerweile nicht mehr in die Wirtschaftswelt? Das tut es doch, wenn auch nicht so, wie man es sich wünschen würde. Denn inzwischen gibt es einen unübersehbaren Trend, der Ethik sozusagen als einen „Geschäftsbereich“ betrachtet. So erklären zahlreiche „Experten“ in noch zahlreicheren Berichten, wie sich anhand von ethischen Maßnahmen Kosten senken und Bilanzen aufbessern lassen. Es geht dabei schlicht und einfach darum, das Nutzpotenzial von Ethik zu ermitteln und zu erschließen.

GUT IST, WAS NÜTZT

„Heute muss sich jeder und alles fragen lassen, wozu er oder es von Nutzen ist. Philosophisch gesprochen leben wir, ob bewusst oder unbewusst, im Zeitalter des Utilitarismus – einer Bewegung, die vor gut 200 Jahren in Großbritannien entstanden ist und eine neue Ethik propagierte, die man auf die Kurzformel bringen kann: Gut ist, was nützt“, zitierte vor einiger Zeit die Wirtschaftswoche Frank Wiebe, Handelsblatt-Korrespondent in New York und Autor des Buches „Wie fair sind Apple & Co? – 50 Weltkonzerne im Ethik-Test“. Damit seien wir in eine merkwürdige Situation gekommen, weil Ethik eigentlich definieren solle, was gut und was schlecht ist. Heute aber müsse sie sich selbst die Frage gefallen lassen, wozu sie gut ist.
Wozu soll Unternehmensethik also gut sein und wem bringt sie denn einen Nutzen? Laut Wiebe nützt sie zunächst einmal den Leuten, auf deren Wohlergehen sie ausgerichtet ist, also den Mitarbeitern oder den Arbeitern bei Zulieferern, wenn es um faire Arbeitsbedingungen geht, und den Anwohnern oder der Allgemeinheit, wenn es um Umweltfragen geht.

ETHIK ALS BERUF

Vor allem aber sei Ethik ein eigener Geschäftszweig geworden und nütze denen, die sie betreiben. Rund um Schlagworte wie „Corporate Social Responsability“ – das heißt „Verantwortung“ – oder „Sustainability“ – zu Deutsch „Nachhaltigkeit“ – sei so etwas wie eine eigene Branche entstanden. „Es gibt CSR-Beauftragte in Unternehmen, die Konzepte ausarbeiten, Berichte schreiben und auf unangenehme Fragen möglichst angenehme Antworten finden müssen“, schildert Wiebe. „Es gibt Organisationen wie Greenpeace, Oxfam und Südwind, die zumindest zum Teil davon leben, Missstände bei Unternehmen anzuprangern. Es gibt Ratingagenturen wie Oekom-Research, die Noten nach ökologischen und sozialen Kriterien vergeben, und Fonds, die ,nachhaltig‘ investieren.“ Und schließlich gebe es noch viele andere, für die Unternehmensethik ihr Beruf ist.
Es leben also eine Menge Leute von der Ethik. Nicht, dass es grundlegend verwerflich sei, Ethik und Wirtschaft in Übereinstimmung bringen zu wollen. Doch sollte weniger der Nutzen als eine Geisteshaltung im Vordergrund stehen. „Vor allem sollten Betriebe nicht lediglich dem Druck des öffentlichen Bewusstseins nachgeben und nur darauf fixiert sein, die Erwartungen von Kunden und Konsumenten nicht zu enttäuschen“, erklären Alexander Härtel und Lothar Kroczek, beide Geschäftsführer der F.-Martin Steifensand Büromöbel GmbH. „Vielmehr sollten das Pflegen ethischer Werte und das Tragen von sozialer Verantwortung freiwillig erfolgen und das Ergebnis einer ernst gemeinten Überzeugung sein.“
Diesen Standpunkt scheinen viele Mittelständler zu vertreten. „Fast 95 Prozent aller mittelständischen Unternehmen in Deutschland übernehmen freiwillig Verantwortung für soziale und ökologische Belange“, fand bereits vor einigen Jahren eine vom Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn veröffentlichte Studie heraus – berücksichtigt wurden bei der Untersuchung „Corporate Social Responsibility“-Aktivitäten.

DIE KRAFT DES BEISPIELS

„Der Mittelstand hat ganz klar ein soziales Gewissen. Viele Unternehmen engagieren sich gesellschaftlich und sozial“, sagte dazu der damalige Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und Mittelstandsbeauftragter der Bundesregierung Ernst Burgbacher. „Vieles, was wir heute als CSR bezeichnen, ist Alltag in mittelständischen Unternehmen – seien es flexible Arbeitszeiten für Eltern, Spenden an die Jugendmannschaft des lokalen Fußballvereins oder die Abgabe von PCs an die Schule in der Nachbarschaft. Im Unterschied zu vielen Großunternehmen, die eine eigene CSR-Strategie entwickelt haben, reden kleine und mittlere Betriebe aber nur wenig über ihr Engagement.“
Also macht es der Mittelstand wieder einmal vor. Während Großunternehmen mit viel Aufwand ausgeklügelte Verhaltenskodexe erarbeiten – sogenannte „Codes of Conduct“ –, die am Ende doch niemand beachtet, setzen mittelständische Betriebe einfach auf die Kraft des Beispiels. „Bei dem Ansatz, ethisches Handeln zu fördern, vorrangig auf Empfehlungen, Anweisungen und Kontrolle zu setzen, wie Konzerne es tun, macht wenig Sinn“, meint Carolina Schmidt-Karsch, Geschäftsführerin der WINI Büromöbel G. Schmidt GmbH & Co. KG. „Erst das Schaffen einer unternehmensweiten Integritätskultur und ein Management, das seine Vorbildfunktion wahrnimmt und lebt, können sich in diesem Bereich positiv auswirken.“
In der Tat: Legt der Chef ein rücksichtsloses Verhalten an den Tag und agiert stets bar jedem Verantwortungsgefühl, werden sich die ihm unterstellten Mitarbeiter nicht unbedingt dazu verpflichtet fühlen, nach strengen ethischen Grundsätzen zu handeln. Womöglich kann der eine oder andere sich sogar berechtigt füllen, es ihm nachzumachen – in einem viel bescheideneren Umfang versteht sich. Schließlich ist es das Management, das die Regeln setzt. Durch sein Handeln und seine Vorgaben – und nur dadurch – bestimmt es die Unternehmenswerte. Alle Sonntagsreden, Absichtserklärungen und andere Lippenbekenntnisse helfen definitiv nicht.

Graziella Mimic

 

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