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Gastbeitrag: Upload-Filter – Lasst uns weiter darum streiten!

Kategorie: News
Gastbeitrag: Upload-Filter – Lasst uns weiter darum streiten!

Trotz heftiger Proteste hat die Europäische Union die Urheberrechtsreform kurz vor Ostern abgesegnet. Eine entscheidende Frage des digitalen Zeitalters aber bleibt weiterhin ungeklärt: Wie lassen sich Original und Plagiat maschinell voneinander unterscheiden? Die Antwort darf die Politik in keinem Fall Youtube, Instagram & Co. überlassen.

Nie zuvor haben EU-Politiker so viel öffentlichen Gegenwind erfahren wie vor der Verabschiedung der Urheberechtsreform. Zehntausende, vor allem junge Menschen demonstrierten, um das Gesetz in letzter Minute zu verhindern. In kürzester Zeit wurde der „Upload-Filter“ zum Kampfbegriff einer ganzen Generation. So wie einst der Vietnam-Krieg oder der NATO-Doppelbeschluss.

Dabei waren sich beide Seiten in vielen Dingen grundsätzlich einig. Geistiges Eigentum bleibt auch im digitalen Zeitalter schützenswert vor Missbrauch und Diebstahl. Gleichzeitig bleibt die Meinungsfreiheit im Internet ein höchstes Gut. Warum also ließ sich keine Kompromissformel finden?

Die bevorstehenden Wahlen zum EU-Parlament mögen eine Ursache dafür sein. Aus Angst, die Stimme der Jugend zu verlieren, tauchten viele Befürworter medial ab. Das ließ viel Raum für ihre Gegner.

Doch der Streit um die Upload-Filter geht tiefer, er steht für mehr als nur einen politischen Disput. Der Streit ist kultureller Natur. Wie lassen sich Original und Plagiat maschinell voneinander unterscheiden? Solange wir auf diese Frage keine Antwort finden, wird sie uns immer wieder konfliktgeladen vor die Füße fallen.

Die Herausforderung, ein Original von seiner Fälschung zu unterscheiden, ist nicht neu. In der Kunst, in der Wissenschaft und in der Industrie beschäftigt sie Heerscharen von Sachverständigen, Patentanwälten und Richtern. Zwei Dinge galten dabei in der Vergangenheit als gesetzt. Erstens: Das Original war an ein analoges Medium gebunden, etwa eine Leinwand, ein Zelluloid oder ein Papier. Man konnte es daher nur schwerlich duplizieren. Zweitens: Das abschließende Urteil traf ein Mensch.

Im Zeitalter der Internetplattformen aber genügt diese zeitraubende, einzelfallorientierte Methode nicht mehr. Denn auf Youtube, Instagram & Co. werden binnen Bruchteilen von Sekunden unzählige Werke digital veröffentlicht. Wer diese Kultur der kreativen Vielfalt und barrierefreien Teilhabe erhalten will, braucht maschinelle Methoden, um Urheberrechte zu schützen.

Die Definition und Entwicklung dieser Methoden aber darf die Gesellschaft nicht wirtschaftlichen Interessen überlassen – schon gar nicht jenen Unternehmen, die sie mit Sicherheit so auslegen, dass sie den eigenen Gewinninteressen nicht zuwiderlaufen.  Stattdessen brauchen wir gesellschaftliche Standards, die jede und jeder beeinflussen, kontrollieren und anwenden kann.

Vorbilder dafür gibt es bereits, der Siegeszug des Internets gründet sogar darauf. So folgt die Vergabe und Verwaltung von Webadressen einem weltweit abgestimmten, nicht kommerziellen System. Die Syntax der Domains ist standardisiert, wer eine neue Webadresse anmelden will, weiß nach wenigen Klicks, ob diese bereits vergeben ist. Dabei gilt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Neben dem Original kann es kein zweites geben.

Solche Spielregeln gilt es nun für die Veröffentlichung digitaler Dokumente – Texte, Bilder, Filme – zu entwickeln. Sie müssen drei Fragen transparent und verbindlich klären: Was macht ein Werk zu einem Original? Was unterscheidet das Original von einem Plagiat? Und wie lassen sich diese Spielregeln bei Bedarf verändern?

Diese Fragen sind nicht technischer Natur. Auf Basis der daraus abgeleiteten Spielregeln aber lassen sich digitale Maschinen entwickeln – „demokratische“ Upload-Filter eben, die die Spielregeln in allgemein zugängliche Prüfstände gießen. Das Ziel: Wer eine Datei auf eine Plattform hochladen will, kann auf diesen Prüfständen kostenfrei testen, ob sein Werk unverändert und urheberrechtskonform veröffentlicht werden kann. Wenn ja, steht dem Upload nichts im Weg. Wenn nein, wird der Upload verwehrt.

Der Vorwurf der Zensur würde in diesem Fall nicht greifen. Denn Zensur gibt es nur dort, wo transparente Spielregeln fehlen und ein Veröffentlichungsverbot willkürlich bleibt. Bei demokratischen Upload-Filtern aber wären die Spielregeln nachvollziehbar und damit anwendbar. Alle Urheber wissen, wie sie Originalität produzieren – oder wie sie ihr Werk verändern müssen, um diese herzustellen.

Den Plattformbetreibern fiele ebenfalls eine neue Rolle zu. Sie könnten nicht länger die digitalen Türsteher spielen, die Dokumente ganz nach eigenem Gusto durchwinken. Vielmehr müssten sie in den Wettbewerb um die besten Upload-Filter treten, um Kunden zu halten oder neu zu gewinnen. Die Qualität ihrer Upload-Filter würde sich daran bemessen, wie reibungslos sie funktionieren und wie wenig Klagen sie sowohl bei Nutzern als auch bei Urhebern verursachen.

Die gesamte Digital-Branche könnte am Beispiel der Upload-Filter zeigen, wie neueste Technologien, etwa Blockchain und Künstliche Intelligenz, allgemeinen Nutzen stiften. Technische Innovation und gesellschaftlicher Fortschritt gingen damit Hand in Hand mit der Wahrung eines lebendigen Internets.

Es bleibt die vornehmliche Aufgabe von Politik, die Definition eines demokratischen Upload-Filters einzuleiten und zu moderieren. Fatal wäre es, wenn sie sich nach der Verabschiedung von Gesetzen dieser Verantwortung entzöge. Im Fall der Urheberrechtsreform ist der Gesetzgebungsprozess noch nicht abgeschlossen. Denn erst wenn die EU-Mitgliedstaaten die Richtlinie in nationales Recht gegossen haben, tritt das neue Urheberrecht faktisch in Kraft. Diese Zeit gilt es zu nutzen – für eine intensive und lebendige Diskussion.

Lasst uns daher weiter streiten. Denn der Upload-Filter darf kein Kampfbegriff bleiben. Vielmehr müssen wir ihn zum Leitfaden für eine freiheitlich, demokratische Gesellschaft machen.

Es grüßt Sie herzlich

Frank Grünberg

Chefredakteur des B2B-Portals www.service-report-it.de

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