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Interview: Wirtschaft in der Coronakrise

Interview: Wirtschaft in der Coronakrise

„Wir setzen auf die Stabilität und Kraft des Büros als Begegnungsstätte“

Im Gespräch mit FACTS schildert Helmut Link, geschäftsführender Gesellschafter der Interstuhl Büromöbel GmbH & Co. KG, die Auswirkungen der Coronakrise auf die Wirtschaft im Allgemeinen und sein Unternehmen im Besonderen.

FACTS: Die Coronakrise hat Märkte und Unternehmen unterschiedlich hart getroffen. Was tat Ihrer Firma besonders weh?

Helmut Link: Wir möchten unseren Kunden das bestmögliche Sitz- und Raumerlebnis bieten. Ästhetik können wir vielleicht noch per Bild vermitteln, Alleinstellungsmerkmale (USPs) per Text erklären – aber am besten ist, wenn der Kunde sich in und mit unseren Produkten wohlfühlt, die Sitz- und Raumqualität erspürt, erfühlt und testet. Haptische, akustische, optische Eindrücke erlebt. Das ist digital nicht vermittelbar. Das persönliche Erlebnis, das Engagement unserer Vertriebsmannschaft, die mit Begeisterung Produkt und deren Vorzüge vorstellen, ist im Moment nicht möglich. Unsere Unternehmenskultur, die typische Interstuhl-DNA können wir digital nicht so gut transportieren und diese ist somit bei unseren Kunden weniger spürbar. Das fehlt uns allen. Unseren Kunden und insbesondere unseren Mitarbeitern.

FACTS: Hatte die Zwangspause für Ihr Unternehmen auch positive Auswirkungen? Was hat sich durch Corona bereits verändert?

Link: Die Arbeitswelt intern und extern hat sich verändert. Der Umgang mit digitalen Medien wurde forciert und alle Mitarbeiter/innen haben sich mit neuen Arbeitsmitteln und Medien auseinandergesetzt, so sind zum Beispiel Zoom-Meetings nun täglich mehrmals an der Tagesordnung. Homeoffice ist bei uns verstärkt eingezogen und es ist inzwischen völlig normal, dass in den unterschiedlichen Bereichen ein Teil der Mannschaft von zu Hause aus arbeitet. Dies kommt den Mitarbeitern entgegen, sie sparen wertvolle Lebenszeit, Geld (Benzin/Abnutzung Auto), sie sind motivierter und sind ihren Familien näher. Die Mannschaft ist zusammengerückt, hat fest zusammengehalten und das Firmenschiff Interstuhl wurde und wird von allen erfolgreich durch die kritische Zeit gesteuert.

FACTS: Welche weiteren Folgen vermuten Sie?

Link: Die wichtigere Frage ist eigentlich, was bleibt. Wir setzen auf die Stabilität und Kraft des Büros als Begegnungsstätte. Hier werden im Rahmen der jeweiligen Unternehmenskultur Werte gelebt, gemeinsam gepflegt und weiterentwickelt. Das Miteinander fördert Teamkreativität und bietet sozialen Halt. Homeoffice wird sich mehr durchsetzen und ein völlig normaler Bestandteil der Arbeitswelt von heute und morgen sein. Neue, digitale Kommunikationsformen entwickeln sich, werden genutzt und wie selbstverständlich in den Arbeitstag integriert. Sicherlich wird auch ein Umdenken/Hinterfragen auf den Führungsetagen stattfinden. Nennen wir nur einmal die Notwendigkeit einer Geschäftsreise. Es kommt vieles in Bewegung, löst aber auch kreative Prozesse aus, die zu positiven Ergebnissen führen. Wir sind grundsätzlich optimistisch, gehen unseren Weg, beobachten das Welt- und Marktgeschehen und wünschen uns erst einmal, dass die Impfungen greifen, die Pandemie gedämmt wird und wir zu einem wieder normaleren Leben zurückkehren dürfen.

FACTS: Werfen Sie inzwischen einen neuen Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft?

Link: Wir sind im Zeitalter der Nachhaltigkeit angekommen. Die Art und Weise, wie wir mit unserem Planeten umgehen, wird Einfluss auf die Zukunft haben. Ein hoher Prozentsatz der Menschen sorgt sich um Umwelt und Klimaschutz und möchte dazu beitragen, ihren persönlichen CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Der Konsument wird in Zukunft mehr bereit sein, Unternehmen zu unterstützen, die ebenso denken. Gesundheit ist ein weiteres wichtiges Thema und ist die Grundlage für einen erfolgreichen Lebensstil in unserer Leistungsgesellschaft. Familie, Freunde, gute Beziehungen, Vertrauen werden wieder wichtiger, wieder mehr gepflegt, wieder neu gelernt. Es wird nach wie vor konsumiert, aber dies hat einen anderen Stellenwert bekommen. Die Generation Z (geboren zwischen 1995 und 2010) blickt hinter die Lifestyle-Fassade und führt eine aktive Diskussion um die Werte von morgen, der sich Politik und Wirtschaft nicht entziehen können. Diese Generation will ehrliche Antworten und effektive Veränderungen.

FACTS: Seit 1950 hat es laut Statistischem Bundesamt bereits sechs Rezessionsphasen gegeben – der stärkste wirtschaftliche Einbruch habe 2009 im Rahmen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise stattgefunden. Wie schätzen Sie die aktuelle Krise ein?

Link: Zum ersten Mal seit Ausbruch der Spanischen Grippe vor nahezu einhundert Jahren, bei der Schätzungen zufolge zwischen 27 und 50 Millionen Menschen in nur wenigen Monaten verstarben, erleben/durchleben wir seit circa 10 Monaten eine Pandemie, die eine körperliche Bedrohung darstellt, deren weitere Entwicklung wir im Moment noch nicht abschätzen können. Die Gesundheit der Menschen steht an oberster Stelle. Gleichwohl ist die Coronakrise ein großer Schock für die europäische und globale Wirtschaft. Haushaltspolitisch haben die Staaten bereits in Form von Liquiditätshilfen gegengesteuert oder tun das derzeit, um die am stärksten von der Krise betroffenen Bevölkerungsgruppen und Wirtschaftszweige zu unterstützen sowie die Gesundheitssysteme auszubauen. Dies hilft einigen im Moment – wird uns aber in Zukunft noch lange beschäftigen.

FACTS: Falls die Krise länger dauert: Wie sollen Unternehmen auf Dauer mit einer geringeren Nachfrage umgehen?

Link: Unternehmen müssen sich noch mehr anstrengen. Besser sein als der Wettbewerb. Hervorragende, unverwechselbare Produkte entwickeln, den besten Service, die beste Qualität bieten, schneller und flexibler sein als andere, Digitalisierung/Automatisation vorantreiben, Prozesse optimieren, am Bekanntheitsgrad des Unternehmens und/oder der Marke arbeiten, neue Geschäftsfelder entdecken und belegen, innovative Ideen einfließen lassen – und besonders wichtig – ein zuverlässiger Partner für ihre Kunden sein.

Und um das alles leisten zu können ist es ganz wichtig, eine positive Unternehmenskultur zu gestalten, die Freiräume für kreatives Denken, innovatives Handeln zulässt und die persönliche Entwicklung der Mitarbeiter fördert. Ebenso sind eine gute Organisationskultur, zeitgemäße Arbeitsmittel und die zügige Umsetzung von Vorhaben Projekten entscheidend. Das fördert die Motivation aller und führt zum Ziel und zum Erfolg.