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Interview: Wirtschaft in der Coronakrise

Interview: Wirtschaft in der Coronakrise

„Die Coronakrise hat gnadenlos aufgezeigt, wo unsere Schwächen sind“

Rainer Geiß, Geschäftsführer von Frama Deutschland, stellt im Gespräch mit FACTS seine Sicht auf die Auswirkungen der Coronakrise auf sein Unternehmen und auf die Wirtschaft im Allgemeinen dar.

FACTS: Die Coronakrise hat Märkte und Unternehmen unterschiedlich hart getroffen. Was tat Ihrer Firma besonders weh?

Rainer Geiß: Im Großen und Ganzen sind wir bisher gut durch die Coronakrise gekommen. Allerdings hatten auch wir zu Beginn des ersten Lockdowns einen Rückgang im Auftragseingang und im Umsatz zu verzeichnen und mussten Teile der Belegschaft in Kurzarbeit schicken. Glücklicherweise aber nur für drei Monate. In diesen für uns schwierigen Monaten haben viele unserer Kunden ihre Geschäftsprozesse neu beziehungsweise anders organisiert. Nachdem diese Umstellung erfolgreich abgeschlossen war, ist bei uns wieder so etwas wie Normalität eingekehrt.

FACTS: Hatte die Zwangspause für Ihr Unternehmen auch positive Auswirkungen? Was hat sich durch Corona bereits verändert?

Geiß: Wir haben uns schnell neu organisiert: alle MitarbeiterInnen, die nicht zwingend im Büro anwesend sein mussten, wurden ins Homeoffice geschickt. Unsere IT-Abteilung machte es möglich, dass alle Homeoffices in kurzer Zeit reibungslos funktionierten. So können MitarbeiterInnen, die keinen direkten Kundenkontakt haben, ihre Arbeitszeiten extrem flexibel gestalten. Unser Ziel ist es, den Druck, der durch Homeoffice-Arbeit besonders auf den MitarbeiterInnen unseres Unternehmens lastet, soweit als möglich zu minimieren. Als positive Auswirkung kann durchaus jetzt schon genannt werden, dass wir trotz Homeoffice enger zusammengerückt sind. Allerdings sind persönliche Kontakte, die sich zum Beispiel in Pausen ergeben, langfristig nicht zu ersetzen.

FACTS: Welche weiteren Folgen vermuten Sie?

Geiß: Die Digitalisierung der Arbeitswelt hat Corona-bedingt deutlich an Fahrt gewonnen, so auch in unserem Unternehmen. Wir werden sicherlich auch in der Zeit nach Corona vermehrt im Homeoffice verschiedene Arbeiten erledigen. Alle betrieblichen Prozesse werden zukünftig vermehrt auf Effizienz und Ressourcenverbrauch hin überprüft. Schlussendlich profitiert die Umwelt davon, wenn wir uns bewusster und umweltschonender aufstellen. Ziel aller Maßnahmen ist, unseren Kunden einen guten Service zu bieten. Egal ob vom Homeoffice aus oder aus dem Firmenbüro.

FACTS: Werfen Sie inzwischen einen neuen Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft?

Geiß: Ich würde es nicht unbedingt einen neuen Blick nennen. Ich schaue auf Gesellschaft und Wirtschaft und stelle fest, dass sich beider Wandel beschleunigt hat. Nun ist Stillstand zwar Rückschritt, aber leider ist Wandel auch nur dann positiv, wenn er die Menschen mitnimmt. Wenn die sich wandelnde Wirtschaft unsere Gesellschaft spaltet, wenn sich Menschen nicht mehr abgeholt fühlen, wenn sich unsere Gesellschaft in verschiedene, heterogene Gruppen aufteilt, denen der Wille zum Konsens abhandenkommt, dann müssten durch die Politik Lösungsvorschläge erarbeitet werden.

FACTS: Seit 1950 hat es laut Statistischem Bundesamt bereits sechs Rezessionsphasen gegeben – der stärkste wirtschaftliche Einbruch habe 2009 im Rahmen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise stattgefunden. Wie schätzen Sie die aktuelle Krise ein?

Geiß: Ich gehe davon aus, dass die Coronapandemie weitaus größere Schäden hinterlassen wird als die Finanzkrise 2009. Allerdings gibt es auch in dieser Krise Gewinner, denken Sie nur an Amazon. Für Deutschland gehe ich davon aus, dass uns eine große Insolvenzwelle bevorsteht. Bleibt zu hoffen, dass es nur eine große Welle wird und kein Tsunami. Die Coronakrise hat gnadenlos aufgezeigt, wo unsere Schwächen sind. Allein die Abhängigkeit vieler Branchen von chinesischen Produktionskapazitäten! Es ist höchste Zeit, nachzudenken und gegenzusteuern, wie wir diese Abhängigkeit mittelfristig verringern können.

FACTS: Falls die Krise länger dauert: Wie sollen Unternehmen langfristig mit einer geringeren Nachfrage umgehen?

Geiß: Das ist eine schwierige Frage, denn jede Branche hat andere Herausforderungen, ein Patentrezept gibt es nicht. Wir bei Frama haben schon vor einiger Zeit mit der Diversifikation begonnen, neue Produkte und Dienstleistungsangebote entwickelt. Das bedeutet, wir sind breit aufgestellt und blicken einigermaßen optimistisch in die Zukunft. Es wäre allerdings nötig, Deutschland zeitnah aus dem Lockdown herauszuführen. Intelligente Konzepte, die Firmen und Handel eine Öffnung ermöglichen, werden dringend gebraucht. Wenn unterstützende Homeoffice-Angebote, Coronatests und Impfungen zur Verfügung stehen, dann, so glaube ich, werden wir auf Dauer keine geringere Nachfrage zu verzeichnen haben.